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Aktuelles

Offen für Altes

Nach der Sushibar, wo die Boote so gemächlich vor sich hindümpeln und die Plastikdeckel über den kleinen, bunten Tellern schon trüb geworden sind von jahrelanger Benutzung, dass man ab und zu auf gut Glück eine Portion greifen und dann wieder heimlich zurückstellen muss, wenn der Meister nicht guckt, der in der Mitte des Flüsschens über die Rollen herrscht, nach dieser Sushibar jedenfalls gehen wir rüber ins Café, weil ich vorgeschlagen habe, noch einen Absacker zu nehmen. Als wir so vor der Bar sitzen und ich meinen Espresso und er seinen Kakao schlürfen, schweift sein Blick über die Flaschen neben uns und er fragt nichtsahnend: "Also, Alkohol trinkst du gar nicht?"

"Richtig", antworte ich, etwas schärfer als beabsichtigt und warte, ob noch mehr kommt.

"Du bist aber nicht, so, also, so eine, ich meine, du bist ja keine Alkoholikerin, oder doch?" Er meint es ernst.

"Vor dir sitzt eine klassische Alkoholikerin." Stimmen in meinem Kopf schimpfen, weil ich mich linguistisch winde, statt zu sagen, ICH sei eine. Der Mann, der am Nebentisch gerade in Rekordzeit etwas verschlungen hat, was aussah wie Hirngulasch oder zerhackstückte Meerschweinchen, hebt den Kopf.

"Ehrlich? So richtig?" Er weiß Stücke aus meiner Vergangenheit. Er weiß von Beziehungen, die nicht glücklich waren und auch er ist irgendwie besessen von der Narbe am Arm. Das irritiert mich immer, weil ich die gar nicht mehr sehe. Er weiß auch, dass ich Kindern was über Sucht erzähle und wöchentlich mindestens einmal Termine mit dem Suchthilfeverein habe, aber scheinbar war das alles nicht deutlich genug. Das ist eigentlich immer so. Ich verstehe nicht, warum die Leute sich das nicht vorstellen können oder wollen.

"Stört es dich dann, dass hier so viele Flaschen stehen? Ist das gefährlich für dich?" "Dann wäre es ja ziemlich dumm von mir, wenn ich vorschlagen würde, hier rein zu gehen, oder?" "Ja, stimmt."

Ich schaue ihn an und versuche zu ergründen, was das jetzt aus uns macht und aus den zarten Banden, die wir in den letzten Wochen geknüpft haben. Er ist passiv. Ich bin die, die treibt und bremst und treibt und bremst.

"Warum guckst du so?" 

Darauf fällt mir keine gute Antwort ein, deswegen gucke ich einfach weiter. Seine Hände liegen auf dem Tisch, in Greifweite. Seine Schultern sind entspannt, aber sein Mund wirkt entschlossen. Er sieht nicht aus, als wolle er gleich weglaufen. Trotzdem sage ich: "Du kannst es dir ja noch überlegen, ob du mich morgen wirklich wieder treffen willst." Da schmunzelt er. "Was sollte ich da überlegen? Du hast es doch hinter dir, oder nicht? Ich steh auf die Meriche von heute. Die Meriche von früher ist mir egal."

Ich atme tief ein und hebe die Schultern, weil dann meine Schlüsselbeine zum Vorschein kommen und ich mich dünn und sexy fühle. So ist es mit ihm immer. Er macht Komplimente, die besten, die ich mir vorstellen könnte, aber in mir sträubt sich was dagegen. Also sage ich: "Du bist dir aber im Klaren darüber, was das heißt? Baue ich einen Rückfall, werde ich als erstes sagen: 'DU warst schuld'. Wenn mir was missfällt, werde ich sagen: 'Änder das, oder willst du, dass ich aus Kummer wieder trinke?' Das ist die Karte, die ich immer in der Hand haben werde und du weißt nicht, ob ich sie spiele oder nicht."

Wir schweigen eine Weile und betrachten unsere Hände, die nicht weit voneinander entfernt auf dem Tisch liegen. Ich spanne die Muskeln an und bewege die Finger, denn ich bin kindlich fasziniert von den ganzen Dellen und Tälern, die mein Körper produzieren kann, seitdem ich so viel abgenommen habe. Mir fällt ein, wie er letzte Woche beim Sex die Augen verdrehte und bemerkte, er wünschte, ich könne mal aus seiner Perspektive gucken, wie geil ich gerade aussähe.

Der Typ am Nebentisch hat das zweite Stück Nusstorte verputzt und legt die Gabel ab. 

24.3.18 08:05


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Möglichkeiten

Nach dem Seminar drücke ich mich noch sinnlos ein bisschen herum, weil ich heimlich auf den Seminarleiter stehe und außerdem, weil morgen mein erster freier halber Tag seit drei Monaten ist und ich ausschlafen könnte und keinen Bock hab, nach Hause zu gehen.

Tatsächlich lädt er mich zu nem Bier ein, aber das muss ich ja ablehnen. Scheiß Sauferei früher. Alkoholfreie Alternativen gibts nicht, also gucke ich den Leuten beim trinken zu und stehe - schon im Mantel, aber immerhin hab ich den Rucksack nch nicht aufgesetzt - daneben. Einer dieser Leute ist Daniel, der aussieht wie 18 und ein zu großes Sakko mit Flicken an den Ellbogen und Einstecktuch trägt. Er beschwert sich gerade, weil er findet, dass die anderen Teilnehmer im Seminar bestimmt geschummelt und sich vorbereitet haben. Ihre spontanen Texte waren für seinen Geschmack zu gut. Solche Schummeleien kennt er von den Mitschülern im Abendgymnasium. Die kleine Lisa, die immer nur in winzigen Schlucken an ihrem Bier nippt, ergreift nonchalant die Gelegenheit und fragt ihn frei heraus, warum er erst jetzt sein Abitur nachholt. Respekt. David seufzt und verdreht die Augen. Er macht einen Schritt vorwärts wie auf einer Bühne und deklariert: "Als ich 18 war, brannte mein Vater mit unserem ganzen Vermögen durch! Daher musste ich ab da die Familie ernähren. Bei McDonalds machte ich Karriere und sorgte für meine arme Mutter." Er ist ganz offensichtlich selber absolut überzeugt von dieser Geschichte. Von ihm könnte ich was lernen, denn wenn ich gefragt werde, warum ich nichts trinke, druckse ich meistens rum und finde keine vernünftige Erklärung.

Der Seminarleiter will weg, es läuft Fußball. "Schon seit elf Minuten! Trinkt mal aus, Leute!" Ich klimper so laut es geht mit den Wimpern, um ihm zu signalisieren, dass er mich einladen soll, mitzukommen zum Fußball gucken in der Kneipe, aber Daniel erzählt irgendeine Geschichte von Hackfleisch und Starbucks und er guckt mich zwar an, reagiert aber nicht.

Draußen vor der Tür bin ich alleine und muss rennen. Rennen mit Rucksack ist nicht nur anstrengend, es sieht auch noch richtig scheiße aus, aber ich kann entweder rennen oder schreien, also mache ich riesige Schritte und fliege zwei Meter neben dem Bürgersteig über die Straße und weiß, dass ich heute kein einziges Wort mehr sprechen werde.

9.3.18 09:35


Community Immunity Ammunity

Eigentlich will ich ihm ja Trost spenden, ihm zuhören, eine starke Schulter anbieten,

aber dann guckt er mich an und fragt: "Und, wie ist der neue Job so?"

und mein ganzes Leben sprudelt aus mir heraus und ich zücke mein Handy und zeige Fotos und

ich erzähle Anekdoten und ich verstelle meine Stimme und imitiere Kollegen und

gerate ganz in Aufruhr vor Freude, weil mir jemand seine Aufmerksamkeit schenkt und er sagt Wow, das ist ja wie eine Comedyserie und es ist wie früher und

dann fällt mir wieder ein, dass wir nicht meinetwegen hier sind und dass es nicht mehr wie früher ist und es tut mir leid und ich gucke zu Boden und er fragt: "Warum guckst du so traurig?" und ich denke, irgendwas ist hier falsch.

16.1.18 22:36


Verlust Teil Eins

Ich vergesse immer, ob es drei oder vier Jahre waren. Jedenfalls waren es drei oder vier minus eins, die wir zusammengelebt haben. Mich zu trennen ist mir schwer gefallen. Der Entschluss stand unumstößlich fest, aber aussprechen konnte ich es nicht, also wählte ich den feigen Weg und faselte erst mal was von "vorläufig räumlicher Trennung", versetzte ihm so eine ganze Reihe von kleinen, schmerzhaften Hieben, bis ihm langsam dämmerte, dass ich da ganz gewaltig untertrieben hatte und eigentlich nur ein mutloses Arschloch war.

Am Anfang war ich froh und ich weiß auch immer noch, dass es die richtige Entscheidung war. Zu viel hatten wir uns gegenseitig verletzt, zu oft hatten wir einander kleingemacht. Hatten gegenseitig unser Vertrauen zerstört - ich, wenn ich sagte: NAAIN, ich hab keinen Schnaps gekauft, und doch wusste, dass mein Seelenheilmittel hinter den Sofakissen/im Kulturbeutel/in der Nudelschublade ruhte und auf mich wartete. Er, wenn er Fotos von mir machte, während ich meinen Rausch ausschlief, und dabei noch das ein oder andere um mich herum drapierte, um mir weiszumachen, das hätte ich selber getan. Hinterher hab ich gelernt, Gaslighting nennt man das und es ist existenziell zerschmetternd, weil nagend.

Trotzdem, er fehlt auch. Umso mehr, je mehr ich andere Kerle kennen lerne. Intellektuell haben wir uns viel gegeben, auch spielerisch konnten wir uns immer messen. Seine Ratschläge waren rückblickend überraschend oft richtig und ich hab mich erschreckend selten daran gehalten.

Jetzt kämpfen Musik und ich wieder alleine. Er war wohl nur ein Begleiter für kurze Zeit, der heute nichts mehr von mir wissen will.

 

 

5.11.17 16:38


Verluste

Ich hab mitbekommen, dass der von mir verehrte Glumm nach mir gefragt hat, und ich hab mich erst gefreut, dann Bilanz gezogen und schließlich ein bisschen getrauert.

Warum ich nicht mehr schreibe? Mir ist die Kreativität abhanden gekommen. Ich hab nach dem letzten Eintrag hier tatsächlich mit dem Saufen aufgehört. Bin jetzt fast ein Jahr trocken und hab im gleichen Atemzug auch noch andere Sachen rausgeworfen. Lebe wieder alleine, studiere nicht mehr, rauche nicht mehr, singe nicht mehr.

Manches davon ist gut - das meiste sogar. Ich habe jetzt hier alles im Griff. Die Bude ist sauber, die Miete bezahlt, ich erscheine stets pünktlich zur Arbeit und hör mir immer freundlich nickend die Probleme von anderen an. Gleichzeitig fehlt die Scheißegal-Einstellung, die der Schnaps manchmal  zaubern kann. Im Gegenteil, der Kopf rattert noch mehr als früher und lässt sich nur bändigen durch Regeln. Drei Listen hängen im Schlafzimmer, darauf stehen Dinge, die zu tun und zu lassen sind. Eine Liste liegt auf dem Schreibtisch, eine hab ich immer in der Hosentasche. Minimum fünf Mal Sport pro Woche. Minimum drei Kapitel übersetzen pro Monat. Minimum vier Nächte der Woche mindestens zur Hälfte im Bett verbringen. Maximum sieben Mal kotzen pro Woche.

Hinter den Kulissen ist nicht alles wunderbar, aber wo ist es das schon.

Das Leben ist stabil geworden, aber spießig und nicht weniger anstrengend. Es sieht nur schöner aus.

5.11.17 16:06


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