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Psychiatrie

An einem Sonntag besuche ich Merlin im psychiatrischen Krankenhaus zwischen Sport und Unterricht, es passt gerade so in meinen Terminkalender.

Ihm ist nicht so nach reden zumute und so sitzen wir auf einer Bank zwischen dem, was man als Teich bezeichnen könnte, und den vergitterten Fenster der geschlossenen Station, die ich auch gut kenne. Ich wünschte, wir hätten ein Gesprächsthema, denn andernfalls wandern meine Gedanken zurück an die fünf Tage, die ich dort verbrachte, nachdem die Gerichtsverhandlungen mich  - wie ich heute weiß - retraumatisiert hatten und ich eigentlich nichts mehr wollte außer sterben und nichts mehr sehen und nichts mehr fühlen.

Vierbettzimmer. Vier Frauen, zwei alte und zwei junge, zwei Redselige und zwei Verschlossene, zwei Dicke und zwei Dünne, vier Ratlose. Plus der verwirrte, alte Mann, der vielleicht auch nur so tat, als sei er verwirrt, wenn er alle zwei bis drei Stunden in unser Zimmer platzte und schnurstraks in die Dusche lief. Abschließbare Türen gibt es nicht auf der Geschlossenen. Es gibt auch keine Gläser, keine Karaffen und keine Vasen. Keine Fernseher auf den Zimmern, keine Gardinen an den Fenstern, kein Programm und natürlich keinen Ausgang. Durchhalten ist die Parole.

Meine jüngste Zimmernachbarin hält immer solange durch, bis die Sendezeit von GZSZ beginnt. Dann tickt sie aus, wenn sie die Sendung nicht sehen kann. Eigentlich ist sie die Normalste, bis sie eines Tages doch eine Glasflasche von irgendwoher auf die Station schmuggelt, im Bad zerbricht und sich mit den Scherben den Hals aufschneidet.

Die älteste Frau im Zimmer ist geistig behindert und eigentlich ganz lieb - nur wenn sie Angst bekommt, entwickelt sie Kräfte, die sie nicht einschätzen kann. Mitten in der Nacht schleicht sie sich an mein Bett, wirft sich auf mich und krallt sich verzweifelt so fest an meinen Armen, dass ich mir sicher bin, dass sie amputiert werden müssen und drei Pfleger nötig sind, um sie von mir wegzuziehen.

 

Das erzähle ich Merlin nicht. Er hadert eh mit seinen eigenen Problemen. Sie sind sich immer noch nicht sicher, ob er nun manisch oder psychotisch ist und wie man das überhaupt  behandeln könnte. Ich kann sehen, wie sein Kopf rattert, deswegen schlage ich vor, spazieren zu gehen. Nach etwa 5km guckt er mich von der Seite an und sagt: Mensch, Meriche, dass du so ein Tempo draufhast, hätte ich nicht gedacht.

Ja, das hat sich bei mir geändert. Früher hab ich mich bei Unwohlsein zurückgezogen und möglichst unsichtbar gemacht, heute muss ich laufen. Ich renne weg, sobald ich kann.

Deswegen hältst du auch keinen Mann!

Da hat er nicht Unrecht. Ich habe im letzten Jahr Dutzende von Männern gedatet, einmal hatte ich drei erste Dates in drei Tagen. Fünf oder sechs davon waren interessant genug für eine Beziehung und überraschenderweise fanden die fünf oder sechs das von mir auch, aber ich hab sie alle in die Wüste geschickt, trotz Liebesreisen nach Paris und Prag und Fallschirmtandems und Elternbesuchen. Insgeheim hasse ich sie alle und bilde mir ein, dass sie mich nur mögen, weil ich abgenommen habe und dass sie mich mit 8 Kleidergrößen mehr niemals interessant gefunden hätten und dass sie oberflächlich und erbärmlich sind und sowieso nur ficken und was zum angeben wollen.

Merlin wiegt den Kopf.

Ja. Nein. Blanker Unsinn. 

Wir sind wieder am Krankenhaus angekommen. Ich drücke ihn. Halt durch! Hab Geduld! Und Vertrauen!

Aber zum Glück fragt er nicht, wieso, denn darauf hätte ich keine Antwort gehabt.

23.7.18 17:30


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Psychosen

Merlin ist wieder da. Er war in Kolumbien, ganze sechs Monate, und die Kommunikation war schwierig. Mal lagen Wochen zwischen unseren Telefonaten, dann nur Tage, aber immer ganze Welten an Gefühlen.

"Meriche, ich wohne jetzt bei ner Gastfamilie. Die sind so geil. Und das Essen hier, einfach super! Kolumbianer sind der Hammer!  Ich rauch jetzt auch viel weniger."

"Meriche, ich muss hier weg. Ich hab mit der Tochter aus der Gastfamilie geschlafen. Jetzt ist die Stimmung unerträglich. Ich glaube, die wollen mich umbringen. Ich habe seit drei Tagen nichts mehr gegessen."

"Meriche, ich hab mir ne WG angeguckt. Wie lang können Rastas werden? Ich verrats dir: Der Boden ist die Grenze! Haha!"

Er schickt 20minütige, verwackelte Videos, die offensichtlich aus dem Zugfenster aufgenommen wurden und nichts als karge Wüstenlandschaft zeigen. Am Ende hätte ich ihn fast noch mit dem Auto aus Spanien abgeholt, weil sein Geld nur noch für ein Ticket dahin reichte. Ich mache mir Sorgen. Merlin kenne ich aus der Selbsthilfegruppe. Er hat sein Problem mit Cannabis im Griff und auch aufgehört zu trinken, aber sein Leben läuft trotzdem nicht so richtig. Das Abi hat er erfolgreich nachgeholt,  aber jetzt dümpelt er in einem Studium rum und merkt selber, dass er nicht weiterkommt. In seinen letzten Nachrichten hat er gestanden, in Kolumbien wieder gekifft zu haben, deswegen bin ich sehr froh, dass er zur Gruppe kommt. Allerdings ist der Merlin, der da vor mir sitzt, ein ganz anderer.

10 Jahre älter sieht er aus, hager, aber auch irgendwie sauberer als früher. Mit jedem Schritt scheint eine Last auf seinen Schultern zu wiegen. Ich will fragen, wie es war, wie er aus Spanien ohne Kohle nach Deutschland gekommen ist, aber er versteht mich nicht. "Meriche", sagt er irritiert, "es geht doch im Leben eigentlich ganz einfach. Wenn man was will, muss man es machen. Hier sind immer alle nur am jammern. Dabei gehts uns viel zu gut. Guck dir das an", er deutet auf ein hübsches Blumenarrangement auf dem Tisch. "Die hat irgendwer extra abgeschnitten, damit sie in spätestens zwei Tagen tot sind, anstatt sie einfach in der Natur zu lassen. Und die Leute bezahlen auch noch Geld dafür! Das ist ein scheiß System!" Er fängt an zu heulen. Hilfesuchend blicke ich mich um, aber die anderen gucken betreten zur Seite, also packe ich Merlin und schleife ihn in unsere Lieblingspizzeria, wo die Pakistani in perfekter Symbiose abwegig günstige Pizzen im Minutentakt produzieren und kein Wort Deutsch können außer den üblichen Pizzazutaten. Über seiner Thunfischpizza beruhigt sich Merlin wieder, aber ein normales Gespräch ist immer noch nicht möglich. Jetzt hat er neue Ideen. Kauend sagt er: "Meriche, dein Vater ist doch Anwalt. Kann der mir helfen?"

Ich seufze erleichtert auf. Also ein juristisches Problem ist es, das ihm auf der Seele liegt. Damit komme ich klar.  "Schieß los!"

"Also, hier in Deutschland muss man fürs pinkeln ja bezahlen..."

"Was?"

"Ja, wenn ich auf ne öffentliche Toilette gehe, am Bahnhof zum Beispiel, dann wollen die dafür Geld von mir!"

"Ja, und?"

"In Kolumbien ist das nicht so. Da gibts keine öffentlichen Toiletten, da braucht keiner öffentliche Toiletten, die machen da einfach hinter nen Busch, wenn sie müssen. Und wenn es Toiletten gibt, dann darf da jeder drauf."

"Du musst ja auch nicht auf die öffentlichen Klos. Kannst auch woanders gehen."

"Ne, wenn ich auf die Straße pisse, bekomme ich ne Anzeige!"

"Hast du ne Anzeige bekommen?"

"Nein, ich hab nur darüber nachgedacht. Also, die zwingen mich dazu, diese Klos zu benutzen, aber ich soll dafür zahlen. Das ist doch Nötigung!"

"Merlin, versteh ich das richtig, du willst klagen, weil du auf öffentlichen Toiletten Nutzungsgebühr bezahlen musst?"

"Ja! Denn zu pinkeln ist doch ein Grundbedürfnis! Ein Zwang! Ich kann nicht anders, als ab und zu zu pinkeln."

"Vielleicht solltest du besser planen und zuhause aufs Klo gehen."

Er schaut durch mich hindurch und hört meinen Einwand gar nicht.

"Das ist ein falsches System. Alles hier. Also, meinst du, dein Vater übernimmt das?"

"Gerne. Wenn du ihn dafür ausreichend bezahlst. Und dann musst du noch was drauflegen, weil das ne ziemlich ausweglose Idee ist."

"Das geht nicht. Es gibt doch so Unterstützung für Arme. Die müssen mir das Geld dafür geben.

"Prozesskostenbeihilfe. Die bekommst du nur, wenn Aussicht auf Erfolg besteht oder wenn du in einer Notlage bist."

"Ja, so ist es doch auch! Beides! Meinst du, ich kann morgen gleich hingehen? Oder lass uns doch jetzt zu ihm fahren. Ist der zuhause oder im Büro?"

"Merlin... Mensch Merlin." Ich bin ratlos. Zum Glück kommen die anderen aus der Gruppe dazu. Ich verabschiede mich. Merlin taucht unter. Erst zwei Wochen später erfahre ich, dass er in einer Klinik ist. Drogenindizierte Psychose Nummer 3. Oder nur eine Manie, man ist sich noch nicht sicher. 

 

Eigentlich wollte ich heute über meinen Besuch in der Klinik schreiben, aber diese Einleitung dazu ist schon lang genug geworden. Beim nächsten Mal.

1.7.18 14:21


Verschwinden und Ruhe

Mit meiner Schwester und meinem Vater Zeit zu verbringen, bedeutet automatisch, sich mit Themen zu beschäftigen, die ich sonst lieber umgehe. Beide arbeiten im Justizbereich und tauschen sich sehr gerne über ihre Fälle aus.

Als die ersten Hefebrötchen mit Bohnenpaste, Sojanudeln und Suppen mit Lamm-Dim-Sums serviert werden, berichtet meine Schwester von einer Krankmeldung, die sie unlängst erreichte. Sie hat tatsächlich die Hoheitsgewalt darüber, zu entscheiden, ob eine Krankmeldung zur Verhandlung ausreicht oder nicht. "Der hatte irgendwas mit Hodenschwellung und Prostata, und ich hab gesagt, solange er 10 Minuten sitzen kann, hat er gefälligst zu erscheinen", amüsiert sie sich und mein Vater fügt hinzu: "Richtig so! Schweigen kann er, wenn er tot ist! Hat er sich ja selber eingebrockt."

Ich schlürfe derweil meine höllisch scharfe Suppe und bemühe mich, nicht hinzuhören, kann aber nicht anders.

 

August 2011.

Ich habe vor einer Woche den Brief geöffnet, den ich gefürchtet habe. Ihn tatsächlich in den zitternden Händen zu halten, hat mir einen physischen Schlag in den Magen verpasst, ich kotzte noch im Flur und bewegte mich den Rest des Tages nur noch kriechend vorwärts. Die Tage danach sind im Alkoholnebel verschwunden, ich traute mich nur nachts vor die Tür und ignorierte Klingel und Telefon. Heute bin ich so weit nüchtern, dass ich erkenne, dass ich etwas tun muss. Immer noch traue ich mich nicht, mit jemandem darüber zu reden, schon gar nicht mit meiner Familie. Diese Schande. Wenn sich das rumspricht. Ich verfasse quälend langsam mehrere Versionen eines Briefes, in dem ich dem zuständigen Richter versuche, darzulegen, warum ich auf gar keinen Fall nochmal aussagen kann und dass ich, wenn ich das alles vorher gewusst hätte, meine Anzeige vom Januar 2010 nie erstattet hätte - dann soll er doch andere Frauen ebenfalls, ist mir mittlerweile egal - und dass er, der werte, liebe Herr Richter, bitte bitte bitte Gnade haben und mir die erneute Tortour ersparen soll und dass ich auf jeden Fall viel zu krank und kaputt bin, um nochmal durch diese Hölle eines Kreuzfeuers zu gehen und mich erniedrigen zu müssen unter den Augen meines Exfreundes. Am Ende kann ich mich nicht entscheiden zwischen zwei Versionen und schicke beide ab.

Schon ein paar Tage später erhalte ich Antwort per Post. Wieder ist mir schlecht, aber der Inhalt enttäuscht. Der liebe Herr Richter sei sechs Wochen im Urlaub und käme erst wenige Tage vor der Verhandlung zurück, er werde sich dann aber ganz sicher bei mir melden.

Auch an die folgenden sechs Wochen habe ich heute keine Erinnerung mehr. Drei Tage vor Verhandlungstermin, als ich vor Wahnsinn die Wände hochgehen könnte, ruft der Richter an. Persönlich. Er klingt ganz nett.

"Was ist denn da los? Ich habe gelesen, Sie haben keine Lust, auszusagen?"

"Lust ist dafür der falsche Ausdruck. Ich kann nicht. Ich kriege keine Luft beim Gedanken daran. Ich kann nicht schlafen, kann nicht essen, ich verzweifle."

Da wird er ungeduldig.

"Hören Sie mal. Sie waren diejenige, die die Anzeige erstattet hat. Da können Sie sich das doch jetzt in der Revision nicht anders überlegen! Was da schon für ein Aufwand betrieben wurde!"

"Es tut mir leid", flüstere ich kleinlaut. "Ich nehme alles zurück. Ich bezahle auch. In Raten, bis an mein Lebensende, aber bitte, ich habe schon so oft ausgesagt, ich kann nicht nochmal."

"Das geht nicht. Sie sind ja nicht Klägerin, sondern Zeugin. Und außer Ihnen gibt es keine Zeugen. Was soll ich da machen? Der Staatsanwalt hat geklagt, der erwartet Sie. Ich auch."

Ich bettle, ich flehe und schließlich verweigere ich mich. 

"Kein Problem, junge Frau. Ich weiß ja jetzt Bescheid, dass Sie nicht wollen. Ich schicke Ihnen jetzt schon mal ne Polizeistreife vorbei und wenn Sie am Verhandlungstag nicht eine Stunde vorher im Gericht sind, bringen die Herren von der Polizei Sie eben vorbei. So einfach."

Am Ende wird er dann doch wieder versöhnlicher. "Wissen Sie was, ich hab nen Tipp für Sie. Wenn ich was Unangenehmes vor der Brust hab, also zum Beispiel Zahnarzt oder so, dann gönne ich mir hinterher was zur Belohnung. Machen Sie doch heute schon mal einen Friseurtermin für den Nachmittag. Dann sieht das gar nicht mehr so schlimm aus."

 

April 2018

Ich habe die höllisch scharfe und viel zu heiße Suppe komplett ausgetrunken und alles brennt. So gerne würde ich meinem Vater und meiner Schwester von diesem Gespräch, das sich für immer in meinen Kopf eingebrannt hat, erzählen, aber es würde sie nur verstören. Der Abend wäre ruiniert, sie würden nach Hause gehen und darüber nachdenken, dass ich zwar oberflächlich alles im Griff habe, aber dass es darunter bei mir immer noch brodelt. Dass ich immer noch kaputt bin. Vielleicht würden sie es auch als Angriff gegen ihre selbstgewählten Berufe sehen, auf die sie beide stolz sind. Weil das Justizsystem sich zwar Mühe gibt, aber trotzdem scheiße ist und immer scheiße bleiben wird und weil sie beide ein Teil davon sind und es irgendwie geil finden, weil sie ihren jeweiligen Nutzen daraus ziehen.

8.4.18 14:37


Offen für Altes

Nach der Sushibar, wo die Boote so gemächlich vor sich hindümpeln und die Plastikdeckel über den kleinen, bunten Tellern schon trüb geworden sind von jahrelanger Benutzung, dass man ab und zu auf gut Glück eine Portion greifen und dann wieder heimlich zurückstellen muss, wenn der Meister nicht guckt, der in der Mitte des Flüsschens über die Rollen herrscht, nach dieser Sushibar jedenfalls gehen wir rüber ins Café, weil ich vorgeschlagen habe, noch einen Absacker zu nehmen. Als wir so vor der Bar sitzen und ich meinen Espresso und er seinen Kakao schlürfen, schweift sein Blick über die Flaschen neben uns und er fragt nichtsahnend: "Also, Alkohol trinkst du gar nicht?"

"Richtig", antworte ich, etwas schärfer als beabsichtigt und warte, ob noch mehr kommt.

"Du bist aber nicht, so, also, so eine, ich meine, du bist ja keine Alkoholikerin, oder doch?" Er meint es ernst.

"Vor dir sitzt eine klassische Alkoholikerin." Stimmen in meinem Kopf schimpfen, weil ich mich linguistisch winde, statt zu sagen, ICH sei eine. Der Mann, der am Nebentisch gerade in Rekordzeit etwas verschlungen hat, was aussah wie Hirngulasch oder zerhackstückte Meerschweinchen, hebt den Kopf.

"Ehrlich? So richtig?" Er weiß Stücke aus meiner Vergangenheit. Er weiß von Beziehungen, die nicht glücklich waren und auch er ist irgendwie besessen von der Narbe am Arm. Das irritiert mich immer, weil ich die gar nicht mehr sehe. Er weiß auch, dass ich Kindern was über Sucht erzähle und wöchentlich mindestens einmal Termine mit dem Suchthilfeverein habe, aber scheinbar war das alles nicht deutlich genug. Das ist eigentlich immer so. Ich verstehe nicht, warum die Leute sich das nicht vorstellen können oder wollen.

"Stört es dich dann, dass hier so viele Flaschen stehen? Ist das gefährlich für dich?" "Dann wäre es ja ziemlich dumm von mir, wenn ich vorschlagen würde, hier rein zu gehen, oder?" "Ja, stimmt."

Ich schaue ihn an und versuche zu ergründen, was das jetzt aus uns macht und aus den zarten Banden, die wir in den letzten Wochen geknüpft haben. Er ist passiv. Ich bin die, die treibt und bremst und treibt und bremst.

"Warum guckst du so?" 

Darauf fällt mir keine gute Antwort ein, deswegen gucke ich einfach weiter. Seine Hände liegen auf dem Tisch, in Greifweite. Seine Schultern sind entspannt, aber sein Mund wirkt entschlossen. Er sieht nicht aus, als wolle er gleich weglaufen. Trotzdem sage ich: "Du kannst es dir ja noch überlegen, ob du mich morgen wirklich wieder treffen willst." Da schmunzelt er. "Was sollte ich da überlegen? Du hast es doch hinter dir, oder nicht? Ich steh auf die Meriche von heute. Die Meriche von früher ist mir egal."

Ich atme tief ein und hebe die Schultern, weil dann meine Schlüsselbeine zum Vorschein kommen und ich mich dünn und sexy fühle. So ist es mit ihm immer. Er macht Komplimente, die besten, die ich mir vorstellen könnte, aber in mir sträubt sich was dagegen. Also sage ich: "Du bist dir aber im Klaren darüber, was das heißt? Baue ich einen Rückfall, werde ich als erstes sagen: 'DU warst schuld'. Wenn mir was missfällt, werde ich sagen: 'Änder das, oder willst du, dass ich aus Kummer wieder trinke?' Das ist die Karte, die ich immer in der Hand haben werde und du weißt nicht, ob ich sie spiele oder nicht."

Wir schweigen eine Weile und betrachten unsere Hände, die nicht weit voneinander entfernt auf dem Tisch liegen. Ich spanne die Muskeln an und bewege die Finger, denn ich bin kindlich fasziniert von den ganzen Dellen und Tälern, die mein Körper produzieren kann, seitdem ich so viel abgenommen habe. Mir fällt ein, wie er letzte Woche beim Sex die Augen verdrehte und bemerkte, er wünschte, ich könne mal aus seiner Perspektive gucken, wie geil ich gerade aussähe.

Der Typ am Nebentisch hat das zweite Stück Nusstorte verputzt und legt die Gabel ab. 

24.3.18 08:05


Möglichkeiten

Nach dem Seminar drücke ich mich noch sinnlos ein bisschen herum, weil ich heimlich auf den Seminarleiter stehe und außerdem, weil morgen mein erster freier halber Tag seit drei Monaten ist und ich ausschlafen könnte und keinen Bock hab, nach Hause zu gehen.

Tatsächlich lädt er mich zu nem Bier ein, aber das muss ich ja ablehnen. Scheiß Sauferei früher. Alkoholfreie Alternativen gibts nicht, also gucke ich den Leuten beim trinken zu und stehe - schon im Mantel, aber immerhin hab ich den Rucksack nch nicht aufgesetzt - daneben. Einer dieser Leute ist Daniel, der aussieht wie 18 und ein zu großes Sakko mit Flicken an den Ellbogen und Einstecktuch trägt. Er beschwert sich gerade, weil er findet, dass die anderen Teilnehmer im Seminar bestimmt geschummelt und sich vorbereitet haben. Ihre spontanen Texte waren für seinen Geschmack zu gut. Solche Schummeleien kennt er von den Mitschülern im Abendgymnasium. Die kleine Lisa, die immer nur in winzigen Schlucken an ihrem Bier nippt, ergreift nonchalant die Gelegenheit und fragt ihn frei heraus, warum er erst jetzt sein Abitur nachholt. Respekt. David seufzt und verdreht die Augen. Er macht einen Schritt vorwärts wie auf einer Bühne und deklariert: "Als ich 18 war, brannte mein Vater mit unserem ganzen Vermögen durch! Daher musste ich ab da die Familie ernähren. Bei McDonalds machte ich Karriere und sorgte für meine arme Mutter." Er ist ganz offensichtlich selber absolut überzeugt von dieser Geschichte. Von ihm könnte ich was lernen, denn wenn ich gefragt werde, warum ich nichts trinke, druckse ich meistens rum und finde keine vernünftige Erklärung.

Der Seminarleiter will weg, es läuft Fußball. "Schon seit elf Minuten! Trinkt mal aus, Leute!" Ich klimper so laut es geht mit den Wimpern, um ihm zu signalisieren, dass er mich einladen soll, mitzukommen zum Fußball gucken in der Kneipe, aber Daniel erzählt irgendeine Geschichte von Hackfleisch und Starbucks und er guckt mich zwar an, reagiert aber nicht.

Draußen vor der Tür bin ich alleine und muss rennen. Rennen mit Rucksack ist nicht nur anstrengend, es sieht auch noch richtig scheiße aus, aber ich kann entweder rennen oder schreien, also mache ich riesige Schritte und fliege zwei Meter neben dem Bürgersteig über die Straße und weiß, dass ich heute kein einziges Wort mehr sprechen werde.

9.3.18 09:35


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