The Naked
The Naked



The Naked

  Startseite
    Aktuelles
    Männer
    Nächtliches
    Erinnerungen
    Former Life
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 



  Links
   500 Beine



Webnews



http://myblog.de/meriche

Gratis bloggen bei
myblog.de





Erinnerungen

Solitude

Eine halbe Stunde vor meinem Geburtstag halte ich den Wagen an einem einsamen Feldweg, steige aus und kotze mich im Gebüsch aus, bis ich mich wackelig und leer fühle. Mein Hund sitzt auf der Rückbank im Wagen und schaut mir zu, die braunen Augen sehen traurig aus. Als ich mich wieder auf den Fahrersitz setze und den Motor anlasse, sehe ich seinen vorwurfsvollen Blick im Rückspiegel. Dann fahre ich planlos in die Innenstadt. Im Studentenviertel komme ich an einer schwach beleuchteten Eckkneipe vorbei. Durch die offene Tür kann ich die Säufer sehen, die am Tresen sitzen, in einer Reihe. Sie reden nicht, sie stieren in ihre Gläser und schnaufen. Der Wirt trocknet ein Bierglas ab, wie im Film. Ich stehe im Leerlauf und schaue zu. Spiele mit dem Gedanken, hineinzugehen und mich von irgendeinem stinkenden Typen aufreißen zu lassen, um nicht alleine zu sein. Dann mache ich es doch nicht, weil mein Hund auf dem Rücksitz empört schnaubt. Ich fahre noch ein wenig weiter und komme an dem Seniorenheim vorbei, das auf einer Strecke liegt, die ich mehrmals die Woche fahre. Aufgefallen ist es mir aber erst vor ein paar Tagen zum ersten Mal, als zwei Menschen, ein ergrauter Mann und eine blonde Frau, beide Ende fünfzig, davor standen, den Blick zur obersten Etage erhoben und winkten. Winken ist etwas nettes, aber die beiden klappten nur die Finger auf die Handfläche und öffneten sie wieder. Es wirkte mechanisch und programmiert. Sie lächelten nicht. Oben am Fenster saß zwischen Stühlen und einer trockenen Topfpflanze eine Frau in einem Rollstuhl. Wie in einem Buch hatte sie eine karierte Decke über den Beinen liegen. Sie lächelte auch nicht, sie winkte nicht, sie sah nur reglos auf die beiden Winkenden auf der Straße herunter. Im Halbdunkeln konnte man sie kaum sehen. Dann kam ein Jugendlicher auf dem Fahrrad vorbei, bepackt mit zwei großen Tüten Klopapier. Er raste um die Ecke und die zwei Winkenden mussten ihm ausweichen. Sie schauten zornig, blickten sich an und gingen dann weg, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich stelle das Radio an, genug Stille für heute. In der nächsten Seitengasse hat ein Kiosk auf. Ich greife nach dem obligatorischen Schnapskleingeld in der Mittelablage und besorge mir was kräftiges. Dann stelle ich den Wagen in einigem Abstand zur Wohnung ab und gehe mit meinem Hund noch durch den Park. Die Leine ist weg, schon seit ein paar Tagen. Muss ich halt aufpassen. Ich setze mich auf eine Bank an der Bushaltestelle und öffne die Flasche. Es schmeckt widerlich, aber es vertreibt zuverlässig den Geschmack von Erbrochenem. Mein Hund sitzt mir zu Füßen und schaut gedankenverloren in die Lichtspiegelungen in den Pfützen auf dem Asphalt. Plötzlich ertönen merkwürdige Geräusche. Schlörfschlörf. Unregelmäßig, als zöge jemand ein bewusstloses Kamel am Schwanz durch die Straße. Mein Hund hört nichts, er ist fast taub, ich richte mich auf. Da kommen zwei Gestalten die Straße herunter. Mutter und Tochter, Inderinnen. Sie tragen beide Kopftücher, lange Gewänder mit Goldrändern und Schlappen. Sie schlurfen im Rhythmus, die Tochter immer ein bisschen langsamer als die Mutter. Sie tragen große Tüten im Arm, es sieht aus, als wären die Tüten voll mit Stoffen. Sie reden nicht, schauen nur zu Boden und schlurfen an mir vorbei und um die Ecke. Ich stehe auf, klopfe mir die Hose ab, schmeiße die Flasche in den Mülleimer und gehe mit meinem Hund dahin, wo mein Zuhause ist. Das Licht ist aus, alle schlafen. Niemand hat auf meinen Geburtstag gewartet. So habe ich es mir gewünscht. Wer weiß schon, wann mein Geburtstag ist?

Am nächsten Morgen flüchte ich mich mit dickem Kopf schnell zur Uni. Mache einen Anstandsbesuch bei meinen Eltern, der mich erstaunlicherweise aufheitert, aber als ich gehe, habe ich ein unbändiges Verlangen nach Schnaps. Ich besorge mir zwei Flaschen Wodka Blutorange und fahre zurück zur Uni, wo ich mir auf dem Parkplatz den Schnaps in blickdichte Plastikflaschen umfülle und in jeder Veranstaltung so viel trinke, wie nur möglich ist. Abends gehe ich zu freiwilligen Veranstaltungen, höre mir eine Amerikanerin an, die über Amerika spricht, worüber sonst. Dann begleite ich eine gute Freundin nach Hause, die unablässig über ihren Exfreund spricht. Sie hat mal herausgefunden, dass mein Geburtstag heute ist, aber heute hat sie es schon wieder vergessen. Am nächsten Tag ist es ihr furchtbar peinlich, aber mir ist es egal. Ich weide mich ein wenig in ihrer Pein und gebe mich großzügig. Am späten Abend klingele ich einfach bei einer Freundin, deren Auto ich vor dem Haus habe stehen sehen. Sie kocht gerade. Ich trinke die mitgebrachten zwei Flaschen Sekt alleine aus und verziehe mich, als ihr Freund kommt, kurz vor Mitternacht. Den Tag lasse ich über der Kloschüssel ausklingen. Die Kloschüssel färbt sich rot.

24.3.09 00:44


Werbung


Wer bist du?

Als der Psychologe endlich eine Pause macht, frage ich ihn:

"Wer sind Sie?"

Er schmatzt. "Ich bin Ihr Psycholge", sagt er, obwohl ich ihm schon zwei Mal gesagt habe, dass er mich duzen kann. Beim ersten Mal habe ich ihm auch noch abgenommen, dass er sich darüber freute.

"Das ist interessant", sage ich. "Wenn Ihre Frau Sie fragt, was sagen Sie dann?"

"Ich bin dein Mann," entgegnet er. Dumm ist er nicht.

"Aber können Sie sich da mit allem identifizieren? Wenn die Kassiererin unten Sie fragt, sagen Sie dann: Ich bin Ihr Kunde? Oder sagen Sie 'Ich bin Ihr Parksünder' zur Politesse?"

Er reibt sich die Nase.

"Ist das für Sie so wichtig, was Sie für andere sind?" Mir steigt das Blut in den Kopf. "Ich habe doch Sie gefragt!", ereifere ich mich. "Und Sie nehmen für jeden eine andere Rolle ein. Darf ich das dann nicht auch machen?"

"Nun, das müssen Sie ja selber wissen, Meriche. Aber Sie geben sich immer selber auf. Sie verstellen sich. Sie wollen jedem gefallen. Und dann glauben Sie mir nicht, wenn ich Ihnen sage, dass Sie hübsch sind und eine angenehme Gesellschaft."

Ich werfe einen unauffälligen Blick auf die Uhr hinter ihm. Noch 26 Minuten. Aber er ist faul, er macht fast immer zu früh Schluss und hat jedes Mal eine Ausrede dafür parat. Ich nicke dann immer und sage "Macht nichts", aber dann greife ich meine Jacke, stolpere durch den verwinkelten Flur, mache leise die Tür hinter mir zu und springe die Treppe hinunter, nehme immer zwei, drei Stufen auf einmal.

Ich blinzele. Die Sonne hat den Kirchturm umrundet und scheint mir ins Gesicht, sodass mir ganz warm wird.

"Soll ich die Jalousie schließen?", fragt er fürsorglich.

"Nein, ich mag die Sonne. Keine Umstände." Eigentlich hoffe ich ja, dass er eh gleich fertig ist. Aber er redet.

"Wo Sie gerade die Kassiererin erwähnen, wissen Sie, was mir anfangs passiert ist, als ich die Praxis hier noch nicht lange hatte? Also, ich war nur kurz etwas einkaufen und stand in der Schlange, da unterhielten sich vor mir die Kassiererin und eine Kundin. 'Oben ist jetzt ein Psychiater oder Psychologe oder so, wussten Sie das?' 'Ach nein, tatsächlich?' 'Ja, eine Bekannte von mir hat eine Freundin, deren Tochter dahin geht.' 'Ach, das ist ja immer schlimm, so was. Und wie ist der so?' 'Also, die sagt, der ist total gut. Und es geht ihr wohl auch schon viel besser. Obwohl der einen dicken Hintern hat, der Psychiater.' 'Nein, so was. Machenses gut, Frau Flödenscheid.' Oder so." Er kichert in seinen Bart, während mich die Sonne in der vollen Breitseite getroffen hat. Ich sehe nur noch helle und dunkle Flecken und kann nicht einmal mehr die Uhr erkennen. Unauffällig rutsche ich auf dem Sofa ein Stück nach links, aber dann komme ich dem Bild, das darüber hängt, so nahe. Also blinzele ich noch ein bisschen und warte, bis er sagt:

"So, Meriche, ich muss Sie leider jetzt schon verabschieden, denn meine Schwiegermutter hat gestern gesagt, dass...."

"Kein Problem," stoße ich hervor.

"Machen Sie noch neue Termine mit meiner Sekretärin aus?"

Ich nicke und husche aus dem Zimmer. Winke der Sekratärin zu, die wie immer am Telefon hängt und über ihren Cousin spricht. Dann mache ich die Tür leise zu und springe die Treppe hinunter. Am letzten Absatz begegnet mir wie immer der Mann mit dem Dackel, der mich böse anstarrt.

25.12.08 09:34


Knubbel, Absinth und Inkompetenz

Vor etwa einem Jahr fiel mir im Nacken meines Hundes ein Knubbel auf, etwa in der Größe einer stattlichen Erbse (keiner tiefgefrorenen, sondern wie einer aus dem Garten meiner Eltern so Anfang August). Da ich durch meine Gene bedingt immer befürchte, mein Hund könnte einen Tumor haben (ich hingegen nicht, haha), fuhr ich recht bald zum Arzt. Tierarzt, natürlich. Der scheint mir nämlich um so einiges kompetenter als mein Hausarzt und er ist auch noch ein bisschen verwegener, mit seiner Sturmfrisur. Nichtsdestotrotz muss ich eingestehen, dass zumindest in dieser Praxis die weiblichen Tierärzte mehr Professionalität und Können bewiesen haben. Da mein Hund Männern gegenüber in der Regel auch sehr misstrauisch ist, bin ich also gezwungen, eine der Damen zu konsultieren. Nicht weiter schlimm, im Wartezimmer kann ich den Doktor ja trotzdem beobachten.

Leider war auch die Tierärztin ratlos, welcher Natur die Erbse sein könnte. Dass es kein Tiefkühlprodukt sein konnte, bestätigte sie mir recht schnell. Aber sonst? Ratlosigkeit, die sich bis zur Theke im Eingangsbereich ausbreitete. Nicht mal einer der Patienten im Wartezimmer wusste Rat, geschweige denn einer deren Besitzer. Frustriert fuhr ich also nach Hause, mit dem dringenden Rat, die Erbse zu beobachten und keinesfalls zu essen. Als ich an Essen dachte, führte mich der Weg zufälligerweise an einem neu eröffneten Laden vorbei, den ich ob meiner langjährigen Erfahrung mit eben diesen sofort als Getränkemarkt enttarnte. Ich beschloss, mein Schicksal auf eine neue Probe zu stellen. Zu Erbsen passt am besten Absinth, finde ich, deswegen strich ich durch die Regale und suchte emsig nach der grünen Fee. Da sie mir nicht begegnete, hielt ich eben Ausschau nach einem gutaussehenden Mann, der mir eventuell hätte helfen können. Das Schicksal war jedenfalls gerade dabei, sich hämisch über einen Teller Erbsen zu stürzen, denn der einzige Mann, der im Laden anwesend war, war der übergewichtige und schlecht rasierte Kassierer. "Guten Tag, wo steht denn bei Ihnen der Absinth?"

"Was?"

"Guten Tag, wo steht denn bei Ihnen der Absinth?"

"Was? Ich meine, wo steht was?"

"Absinth. A wie Anton, B wie Berta, S wie Siegfried, I wie..."

"Jaaa...was ist das?"

Die Frage machte mich kurz sprachlos.

"Entschuldigung, arbeiten Sie gar nicht hier?" Ich fürchtete kurz, der Mann könnte ein Räuber sein, der den wahren Kassierer überwältigt hatte und sich nur der Tarnung halber gerade kurz nicht an der Kasse zuschaffen machte.

"Ich, ja... Mir gehört das hier."

Ich runzelte die Stirn. "Nunja, Absinth ist ein Bitteralkohol, der soweit ich weiß, aus Wermut, Anis und noch irgendwas besteht."

Er sah mich ratlos an.

"Der war lange Zeit verboten, weil er so gefährlich war! Das lag aber nur an der schlechten Qualität des Alkohols! Mittlerweile gibts ihn wieder! Schmeckt wie Pernod! Und er ist grün!", kreischte ich verzweifelt, doch er sah mich unverwandt ratlos an und kratzte sich an der Stirn. Ich war am Ende. Ein Getränkemarktbesitzer, der nicht wusste, was Absinth ist, das wäre ja wie ein Tierarzt, der nicht weiß, was ein Knubbel....äh...ja.

25.12.08 09:35





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung