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Nächtliches

Egal wie schnell du fährst

Kritisch guckt er uns zu, fast auf Augenhöhe.

 

"Egal wie schnell du fährst, der Mond fährt immer genau so schnell," sage ich und freue mich über die unerwartet poetische Wirkung des Jägermeisters, aber dann muss ich revidieren. "Nur ein bisschen schneller," Er lacht und freut sich diebisch, dass wir ihn doch nie einholen, während er am Himmel dahinrast. Sein großes gelbes Auge ist weder rund noch oval, sondern beunruhigend asymmetrisch. Ich schneide ihm eine Grimasse, da wirft auch der Fahrer mir einen kritischen Blick zu, fast auf Augenhöhe. "Was soll das?"

"Der Mond. Er macht sich über mich lustig. Er sagt, es wird was Schlechtes passieren."

"Das sagt er?"

Ich schweige. Mein Fahrer ist eh ein bisschen sauer, weil es halb zwei ist und er um fünf Uhr wieder aufstehen muss, während ich mich bis um acht im Bett wälzen kann, und weil ich ihn auch noch zu dieser Veranstaltung geschleppt habe. Er verschwand um elf und ich fand ihn erst um einiges später schlafend im Auto. Ich war sauer. Er auch. Der Mond verschwindet hinter einer Gruppe von Bäumen und den letzten Blick auf ihn erhasche ich beim Aussteigen, er starrt mich zwischen zwei hohen Häusern hindurch an.

Vier Stunden später ist jetzt. Mein Fahrer ist schon aufgestanden, nehme ich an. Vor dem Fenster übt jemand, wie oft er das Wort "Hurensohn" abwechselnd mit "Wichser" wiederholen kann. Ich überlege kurz, wo mein Auto steht, aber das habe ich wie immer vergessen. Ich reibe mir die Augen und habe die Hände voll mit Schlaf. Den üblen Geschmack im Mund kenne ich, aber die Halsschmerzen sind neu. Unter dem Fenster mischen sich neue, tiefe Stimmen in die Schimpftirade ein, während die erste immer mehr in ein Kreischen verfällt. Eine Frau lacht schrill. Ich überlege kurz, ob ich wirklich im Jahr 2007 aufgewacht bin oder ob ich mich schon in der Zeit nach der Apokalypse befinde. Als ich zum Fenster gehen will, um mir die blutigen Gesichter und die gebrochenen Arme live anzusehen, stolpere ich über meinen Fuß. Ist es möglich, sich über Nacht nicht den Nacken, sondern den Fuß zu verrenken?

Ich seufze und verfluche den Mond, der immer ein bisschen schneller fährt als ich selber. Hoffentlich wird er mal geblitzt.

25.12.08 09:35


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Von einem verkorksten Date flüchte ich mich in die U-Bahnstation . Meine Bahn kommt erst in zwanzig Minuten, die Bänke stehen aber am äußersten Rand der Plattform, halb im Dunkeln. Also bleibe ich stehen, wo es hell ist und setze eine finstere Miene auf. Fällt mir nicht schwer, wenn ich an den Typen denke. Gutaussehend und eingebildet, dabei aber auf den zweiten Blick sehr unappetitlich. Ich kann ihn noch riechen, Rauch und Leder.

Von den Long Island Ice Teas benebelt kneife ich den Mund zusammen und mustere die anderen Leute in der U-Bahnstation. Am gleichen Gleis wie ich steht ein einzelner junger Mann, der träumerisch in die gleißende Neonröhre über ihm blinzelt. Ich entspanne ein wenig. Gegenüber kickt eine Gruppe Jugendlicher eine alte Dose hin und her, bis sie zwischen den Gleisen landet. Ein Stück weiter, neben einer der Säulen, die künstlerisch aussehen sollen, steht ein Mädchen, vielleicht sechzehn Jahre alt. Nein, sie steht nicht, sie tanzt. Stöpsel in den Ohren, bewegt sie ihre Füße leicht über die grauen Bodenplatten. Sie trägt eine weite Jeans, um die sie in Höhe des Hinterns ein rosa Tuch geschlungen hat. Man sieht ein Stück ihrer Unterwäsche, ein Stück Bauch, darüber beginnen mehrere Schichten verschiedener Tops in bunten Farben. Man sieht trotzdem, wie dünn sie ist. Ihre Haare sind fahl und dünn, aber mit viel Haarspray aufgebauscht. Sie hat die Augen geschlossen und tanzt nur für sich, wagt eine Drehung und schwingt mit den Armen. Zwei schnelle Schritte nach links, ein Step zurück. Jetzt sind auch die Jugendlichen auf sie aufmerksam geworden und rufen etwas zu ihr hinüber. Entweder hört sie es nicht oder sie ignoriert es gekonnt.

Auf meiner Seite kommen zwei Männer die Treppe herunter und bleiben ein paar Meter neben mir stehen. Auch sie beobachten das Mädchen in seinem ganz eigenen Tanz und ihr Gespräch verstummt. Kurz bevor meine Bahn einfährt, ist ihr Tanz zu Ende. Sie tanzt langsam aus, macht noch einen federnden Schritt und schlägt dann die Augen auf. Sieht mir direkt ins Gesicht und lächelt. Ich sehe weg. Als ich in meine Bahn einsteige, winkt sie mir durchs Fenster hindurch zu. Ich nicke zurück, dann will ich wieder aussteigen, zu ihr gehen, mit ihr reden - aber ich blebe sitzen und meine Bahn fährt los. Ich beobachte sie, bis der Zug um eine Kurve fährt. Dann schließe ich die Augen, und öffne sie erst wieder, als ich an meinem Zielbahnhof angekommen bin.

25.12.08 09:36


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