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La dernière chanson

Es ist Mittag und ich weiß nicht so recht, was ich tun soll. Papa hat hundert Sachen in das Zimmer auf der Palliativstation bringen lassen. Sein Bart ist weich - und lang. Seit der Diagnose vor zwei Jhren hat er sich geweigert, ihn abzuschneiden. Er möchte ihn neuerdings gerne geflochten tragen, aber Mamas letzter Versuch war schon ziemlich wackelig. Also sitze ich im Zimmer der Palliativstation und flechte meinem Vater den Bart, den er schon 2 Tage später abschneiden und in passender Höhe an den Spiegel kleben wird - für die Selfies.

 

Ich bin ratlos und überlege, was ich tun könnte. Mama hat keine Lust mehr auf irgendwas. Manchmal guckt sie ganz kurz interessiert zu meinen Häkelnadeln - naja, ihren Häkelnadeln, naja, die ihrer Tante.

 

"Maman, wäre es ok, wenn ich was für dich singe?"

 

Auf einmal ist die Idee da. Mama guckt mich mit großen Augen an. Schwer zu sagen, was der Blick bedeuten soll. Also fange ich an zu singen. Erst mal alles, was ich auswendig kann, dann Musicals, und ich fange unwillkürlich an, meine Stimme zu verändern, wenn der Bösewicht singt. Da runzelt sie die Stirn, es gefällt ihr nicht. Ich singe lieber ein trauriges Lied. Mamas Augen fallen zu, aber plötzlich reißt sie sie auf und guckt mich erschrocken an. "Alles gut, Mama", will ich sagen, aber es ist ja gar nichts gut.

 

Die Tür geht auf, Papa kommt herein. Er hat geweint. "Ich habe dich singen gehört". Tut mir leid, Papa. Ich muss los. 

Später am Nachmittag bin ich zurück. Es ist Montag. Meine Mutter ist jetzt seit genau zwei Wochen hier. Letzte Woche hatten wir ein Beratungsgespräch für die Aufnahme in ein Hospiz. Da war mein kleiner Bruder noch da, direkt im Anschluss ist er beruflich nach Slovenien gefahren. Mama hat sich entschieden, nicht mehr zurück nach Hause zu wollen. Sie will niemandem zur Last fallen.

 

"Hallo Mama! Ich bins!" (Und Mama: Ich hab jetzt seit zwei Wochen nichts mehr gesoffen, das merkst du doch, oder?)

 

Alle sitzen irgendwie wie in einer Abflughalle herum, unangenehm, komisch, distanziert. Mama verabschiedet sich langsam. Ihre Pupillen sind starr. Die Birkenstocksandalen-Trauer-Musik-Frau stellt sich einen Stuhl in den Flur direkt vor der Zimmertür meiner Mutter und beginnt mit ihren taurigen Weisen, da halte ich es nicht mehr aus. Ich gehe raus, an ihr vorbei, "schnappe frische Luft" und nehme dann allen Mut zusammen und frage, ob wir nicht zusammen was singen können. Es ist leicht, nachdem ich gefragt hab. Schon das erste Lied funktioniert, sie spielt besser, und als sie merkt, dass ich besser singe, verschmelzen wir zu einer Einheit. Aus einem der anderen Zimmer kommt eine Frau, Ende siebzig, mit dem Wissen in den Augen, dass ihr Mann sterben wird. Sie wiegt sich zur Musik, lächelt, schlägt die Hände zusammen. Ich dachte, mir würde sofort die Stimme versagen, aber im Gegenteil, nie zuvor hab ich mich so klar gehört.

 

Meine Schwester betritt die Station. Ich singe und singe und versuche, sie damit zu berühren, aber sie senkt den Blick und huscht eilig ins Krankenzimmer. Meine Schwester und ich - das war schon immer schwierig. "Lean on me" ist das  letzte, was ich mit der Birkenstock-Frau singe. Die ältere Angehörige kommt auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Ich sehe sie zum ersten Mal. In mir ist gleichzeitig ein ganz tiefer, ruhiger Brunnen und ein Sturm.

Als ich zurück ins Krankenzimmer gehe, fühle ich mich gelöst, es war irgendwie schön. Ich öffne die Tür und treffe auf die versteinerten Mienen meiner Schwester und meines Vaters. Erst später verstehe ich, dass sie nicht sauer waren, sondern  gerade erst aufgehört hatten zu weinen.

 

Am nächsten Tag hat Mama immer noch nichts getrunken. Ich treffe mich vormittags mit Papa auf dem Friedhof. Mama ist noch nicht tot, aber wir gucken uns mögliche Gräber an. Mama wünscht sich, dass wir möglichst wenig Arbeit mit ihrem Grab haben. Es kommen ein Hain- oder ein Baumgrab in Frage. Eine Mitarbeiterin fährt uns lautlos im Elektrobus über den Friedhof. Als wir auf der Wiese mit den Laubbäumen stehen und ich mich umsehe, kitzelt es mich am Fuß. Ein Regenwurm schlängelt sich über meine Flip Flops. Mein Vater lacht kurz trocken, aber ich kann den Kloß in seinem Hals hören. Wir entscheiden uns noch nicht - das hat doch noch Zeit!

 

Ich habe meine Prinzessin Peach dabei, außerdem das Tini-Tuch, zwei Projekte, an denen ich gerade häkel. Letzte Nacht hatte ich zu wenig Ruhe dafür, also häkel ich, auf dem Sofa liegend, ein paar Reihen. Mein kleiner großer Bruder ist vorhin nach Hause gegangen, auch er wohnt nur ein paar hundert Meter vom Krankenhaus entfernt. Meine Schwester hält die Hand meiner Mutter. Mir fallen die Augen zu, aber ich halte das nicht lange aus und stehe auf. Ich bin überhaupt nicht vorbereitet auf das, was kommt.

 

Papa betritt den Raum, er war nur zur Toilette. Mamas Augen leuchten kurz auf und ich muss schlucken. Wie könnte ich jemals jemanden so tief lieben wie meine Eltern einander? Das Einzige, was meine Mutter noch zum lächeln bewegt, ist ihr Mann. 

 

Ich ziehe mir auch einen Stuhl an das Bett heran. Jetzt sitzen wir zu dritt um sie herum. Ich weiß gar nicht warum.  Meine Mutter bekomt immer schlechter Luft, sie beginnt zu röcheln, ein Klang, bei dem ich mir vorstellen kann, wie ihre Lunge innen aussieht. Wir rufen eine Schwester hinzu, die vorschlägt, eine Tablette gegen die Atemnot zu geben. Wir stimmen zu, haben die Rechnung aber ohne meine Mutter gemacht. Obwohl sie in den letzten Stunden nicht mehr kommuniziert hat, ist deutlich, dass sie die Tablette nicht will. Sie presst mit aller verbliebener Kraft die Lippen aufeinander und deutet ein Kopfschütteln an. Ich bewundere sie sehr dafür, dass sie so stark ihren Willen äußern kann. Mein Vater kennt den langsamen Krebs-Tod. Er sagt zu mir und meiner Schwester: "Bei meiner Mutter zog sich das ab diesem Zeitpunkt noch drei Tage hin, und wenn ihr glaubt, dieses Röcheln sei schlimm - es wird noch schlimmer". Er schickt sich an, das Zimmer zu verlassen, sucht nach einer Lösung für ein Problem, das man nicht lösen kann. In dem Moment atmet meine Mutter tief ein und nicht mehr aus. Meine Schwester und ich, einander an beiden Bettseiten gegenübersitzend mit je einer Hand meiner Mutter im Griff, schauen einander voller Panik an.

 

"Papa!", ruft meine Schwester. Sie ist Richterin, Mitte dreißig, selbstständig, stark, aber ich werde nie vergessen, wie ihre Stimme bricht, als sie meinen Vater zurück ins Zimmer ruft. "PAPA!"

 

"Was?" Jetzt schon? Jemand hat eine Schwester dazu geholt. Die junge Frau, die bislang so tatkräftig anpackte und mit der ich gestern noch über die Musik scherzte, hat Tränen in den Augen. "Das sind die letzten Minuten. Bleiben Sie bei ihr." Sie wendet sich ab und zieht ein Taschentuch aus der Weste.

 

Was? Was? Mama! Ich bin nicht bereit dazu! Mama! Nein!  Mein Vater schluchzt. Es ist ein Geräusch, das ich nie zuvor gehört habe, so tief, so verzweifelt. Mein Papa hat in meinen 30 Jahren Erinnerung nur einmal geweint, als seine Mutter starb. Jetzt steht er erschrocken neben meiner Mutter und aus seiner Kehle dringen Laute, die nicht menschlich scheinen.

 

Wir versuchen, meinen Bruder anzurufen. Mama schluchzt. Sie sieht sich um, aber so langsam, dass ich die Vene an ihrem Hals beobachte, um zu sehen, ob sie noch lebt. Mama! Das kann nicht sein! Alle zwei Minuten atmet sie noch ein - es ist unmöglich zu sagen, ob sie noch lebt oder nicht. 

 

Seit 180 Sekunden hat Mama nicht mehr geatmet. Ihr Kopf ist zur Seite gefallen, wir haben versucht, ihn zu stützen. Ihr rechter Arm ist angewinkelt, mein Vater streckt die Hand aus und legt ihren Arm entspannt auf ihre Brust. In meiner Brust ruft alles NEIN. Mein Bruder stürzt in den Raum. Wir blicken auf. "Es ist zu spät."

13.8.16 06:05


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Au revoir II

Mama wird immer schwächer. Ihre Stimme ist weg, sie hat keinen Appetit mehr.

 

Eines Tages komme ich ins Zimmer und mein Vater liegt eng umschlungen mit ihr im Bett. "Oh...äh...ich brauch mal 'frische Luft'",stammele ich, da korrigiert mich mein Vater: "Quatsch, pack mal hier mit an, wir wollen Mama umziehen."

 

"Also ehrlich, Mama, ich hab gedacht, ihr würdet hier rummachen", versuche ich einen Scherz, während ich ihr das Shirt über den erschreckend dünnen Körper mit den riesigen OP-Narben ziehe. Sie blickt mich nur an. Ich weiß, dass sie lachen würde, wenn sie dazu noch in der Lage wäre.

 

Papa übernachtet im Krankenhaus, auf der Palliativstation besteht die Möglichkeit, im gleichen Zimmer auf einem Schlafsofa zu übernachten. Hätte ich auch gemacht, aber ich bin ehlich gesagt ganz froh, dass ich das nicht musste. 

 

Mama hat Schmerzen. Sie hat jetzt eine Morphiumpumpe bekommen, theoretisch könnte sie selber entscheiden, wie viel Schmerzmittel sie haben will, aber auch das ist zu viel. Ihr großer, kahler Schädel und ihre Zähne wirken viel zu riesig für ihr eingefallenes Gesicht.

 

Vor zwei Tagen haben wir noch zusammen gehäkelt. Es war aber schwer, die Hände wollten nicht mehr so. Heute sitze ich mit meinem Häkeltuch alleine am Bett und bin ratlos, was ich machen soll. Mein kleiner-älterer Bruder - Moment, es müsste heißen, mein großer-jüngerer Bruder hat in der Küche von der Palliativstation Rührei gebraten. Die Schwestern kommen herein und lechzen freundlich. Mama isst immerhin zwei kleine Gabeln voll Rührei.

 

Eigentlich müsste man da ja wissen, dass nichts mehr geht, oder? Aber wir tappten im Dunkeln.

 

 

13.8.16 05:02


Au revoir

Zwei Wochen habe ich jeden Tag die Palliativstation im Krankenhaus besucht. 10 Minuten Fußweg von zuhause aus, drei Stufen, Hände desinfizieren, auf den Fahrstuhl warten. Die Palliativ liegt direkt über dem Kreißsaal und der Neugeborenenstation, welche Ironie.

 

Die Palliativstation ist wie eine andere Welt. Von meiner privat versicherten Großmutter kenne ich bereits die "Deluxe Station", aber da ging es eher darum, dass die Bettwäsche aus Seide war und die Gläser lange Stiele hatten - was, wie man sich denken kann, beides eher unpraktisch war für eine 86jährige mit Darmproblemen. 

 

Auf der Palliativ ist es wie ein Blick hinter die Kulissen. Die Schwestern haben immer Zeit, als seien sie gerade in der Pause. Sie lehnen sich schon mal an die Wand im Krankenzimmer und quatschen, weil die Patienten es brauchen. Es gibt ein Wohnzimmer, in dem Kekse und Getränke stehen, bequeme Polstersessel und ein Klavier, denn zwei Mal pro Woche kommt jemand und macht Musik. Es gibt einen bunt bepflanzten Balkon, der die einzigen 8m² im Klinikum beherbergt, innerhalb derer man im Gebäude rauchen darf. Im Kühlschrank für die Patienten stehen Bier, Wein und Sekt - warum auch nicht. Meiner Mutter ist das aber herzlich egal.

Der Balkon wird zu meiner kleinen Oase. Wann immer ich das Gefühl habe, zu zerplatzen, zusammenzufallen oder sonstwie zu kollabieren, entschuldige ich mich zur "frischen Luft", die ich in Anführungszeichen setze, damit alle verstehen, dass ich "nur rauchen will", während ich in Wahrheit die Pausen brauche, um alleine zu weinen. Alleine war ich aber während der Zeit leider selten auf dem Balkon. Im Gegenteil, schon am ersten Tag, als das Weinen noch sehr hemmungslos und unkontrollierbar war, saßen drei Frauen mittleren Alters auf dem Balkon. Sie befanden sich, wie ich später analysierte, in der Phase, in der man zwischen Leid und Erleichterung schwebt, einerseits die Brösel vom knirschenden Herzen innen drin spürt und andererseits die Schweißerbrille aufsetzt und den sterbenden Körper betrachtet wie eine Maschine. "Hat er dich heute erkannt?" - "Nein, heute hat er nur drei Mal gehustet."

 

In den kommenden Tagen lerne ich mehr über die Frauen, und sie werden mir zwar nicht sympathischer, aber ich rede nicht mehr voller Abscheu über den "Labertreff in der Dunstwolke", als die Frau, die ausnahmslos immer da war, egal ob 6 Uhr morgens oder 22 Uhr abends, von ihrem Besuch erzählt. Im Sterben liegt ihr Vater, erlausche ich unfreiwillig, als ich eigentlich Abstand gewinnen will und deswegen das Krankenzimmer verlassen habe. An diesem Tag aber war ihre Mutter auch zu Besuch. Unter besonderen Sicherheitsauflagen. Die Mutter hat nach der endgültigen Todesdiagnose ihres Mannes eine Psychose entwickelt und steht unter akuter Suizidgefahr, deswegen ist sie seit drei Wochen auf einer geschlossenen. Die Frau, die das erzählt, ist etwa Mitte 40, ihre Mutter also auf jeden Fall älter als meine, die zwei Zimmer weiter liegt und um ihr Leben röchelt.

Die Mutter habe aufs Klo gehen wollen, erzählt die Immer-da-Frau. Auf den Klos, die zu den Zimmern gehören, gibt es natürlich behindertengerechte Toiletten, und auch lange Schnüre, die man ziehen kann, um einen Notfall zu melden, zum Beispiel wenn man beim verzweifelten Versuch, die einst zuverlässige Verdauung durch Zwang zum funktionieren zu bringen, vor lauter Anstrengung vom Klo gekippt ist. Immer-da-Frau schaut kurz zu mir herüber, sie hat traurige, leere Augen. "Ich hatte so Schiss, wegen der Schnur, weißte?", beichtet sie ihrer Freundin, der Fast-immer-da-Frau. Und so schildert sie, wie sie hilflos im Krankenzimmer saß, zwischen ihrem Vater, der nur kurz noch wache Momente hatte und ansonsten leblos war, und ihrer Mutter, die hinter der verschlossenen Klotür vielleicht den Versuch unternahm, ihrem Mann zu folgen in das große Ungewisse.

 

Am ersten Tag auf der Palliativstation war meine Mutter in einem Zustand zwischen Schock und Erleichterung. Wie kam das so plötzlich? Aber es tat ihr gut. Zumindest so lange, bis die Musikerin kam. Die Frau in den Birkenstocksandalen setzte sich zunächst ans Klavier und die Töne klangen durch die Wand zu uns ins Krankenzimmer, wo mein Bruder und ich gerade versuchten, zu verstehen. Meine Mutter war verwirrt, konnte die Töne erst nicht zuordnen, aber dann äußerte sie den Wunsch, nachzusehen, woher die Musik kam. Ein seltener, letzter, neugieriger Moment. Wir schoben sie hinüber ins Wohnzimmer und lernten die Musikerin kennen. Groß, ungelenk, etwas unbeholfen bedeutete diese uns, wir könnten uns ruhig unterhalten, während sie spielte. 

 

Zwei Tage zuvor hatte ich meine Mutter das letzte Mal enttäuscht. Ich war wie alle Geschwister zum grillen geladen, hatte aber leider wiederum am Tag davor morgens den Teil meines Gehirns entscheiden lassen, der doch nur immer das eine will. Und so kaufte ich nicht eine, sondern direkt zwei Flaschen Schnaps und saß dann ratlos im Auto, ein paar Straßen von der Wohnung entfernt. Leere im Kopf, während die Gedanken rasen. Jetzt haste sie gekauft, also trink sie auch. Wird dir gut tun. Wann hast du zuletzt richtig geschlafen? Warum bist du so bescheuert? Du lässt alle im Stich. Aber nur zu, verkriech dich in deinem kranken Schädel.

Traurige Musik spielte im Radio. Ich fing an zu heulen und schluchzte so herzergreifend, dass Musik in ihrer Box unruhig wurde. Passanten blickten beunruhigt in das wackelnde, geparkte Auto. Bevor ich wieder klar denken konnte, schrieb ich meinen Geschwistern: ICH HAB MAL NE DOOFE FRAGE. HEULT IHR AUCH MANCHMAL EINFACH SO UND KÖNNT NICHT AUFHÖREN? Dabei war es ja eigentlich nicht "einfach so".

 

Auf meine Geschwister ist meistens Verlass und so schrieben wir uns dann auch fleißig, während ich hinter den langsam beschlagenden Fenstern meines Autos die erste Schnapsflasche ansetzte. Ich war so desolat, dass mein allerkleinster Bruder beschloss, mich am Nachmittag zu besuchen. Ich kann mich nicht ganz genau dran erinnern, aber ich glaube, ich saß unbehost wie ein glückseliger Buddha auf dem Sofa, als er kam und mir unbeholfen eine Liste von Liedern aufschrieb, die ihn immer aufmunterte. Mein allerkleinster Bruder und ich haben gemeinsam, dass wir einige Zeit in Afrika verbracht haben, daher traute ich seinem Urteil und  nahm mir fest vor, mir alle seine Vorschläge anzuhören. Hab ich aber bis heute nicht. Nachdem er weg war, vertrieben von mir, hörte ich extra ganz schnell ganz ganz traurige Musik - Yann Thiersen geht da ganz gut - und tat, was ich niemals wieder tun sollte. Dabei heulte ich ganze Wasserfälle und rutschte wohlig durch die Spirale von Selbstmitleid und Weltschmerz.

Am nächsten Tag rief ich meine Mutter an und sagte ihr mit schwerer Zunge, ich würde wohl nicht zum grillen kommen. Sie war still, traurig, hilflos. Zwei Tage darauf sitze ich an ihrem Krankenbett auf der Palliativstation, das sie nicht mehr verlassen wird.

 

Zurück zur Musik auf der Palliativstation. Das nächste Lied, das die Pianistin anschlägt, ich traue meinen Ohren kaum, ist tatsächlich Yann Thiersen. Die Dämme brechen, meiner Mutter kullern lautlose Tränen über die Wangen und ich bekomme keine Luft mehr. Ich kann hier nicht heulen. Mein Bruder, immer stark, immer selbstbewusst, streckt hilflos seine Hand nach meiner Mutter aus und lässt sie auf halbem Weg wieder fallen. Meine Mutter flüstert, denn sie hat ihre Stimme verloren: Bitte, bitte spielen sie nicht so was trauriges. Bitte was schönes!

 

Ihre Kraft reicht nicht mehr, wir tragen sie zurück in ihr Zimmer, aber wir lassen die Tür auf, damit sie die Musik noch hören kann. Die Pianistin, gerade um fröhlichere Musik gebeten, schlägt die nächsten Töne an und spielt: TIME TO SAY GOODBYE.

 

 

 

 

Da kommt noch mehr.

12.8.16 22:30


Selbsthilfe und ich

Seit mehr als einem Jahr lebe ich nun in einer Beziehung. Meine literarische Freiheit ist etwas eingeschränkt dadurch, dass er mittlerweile mitliest.

 

Was kann ich also schreiben. Von meiner Alkoholsucht. Ja, ich bin süchtig, ich nehme Antisuchttabletten und trinke trotzdem fleißig weiter, ich bin sogar in einer Suchthelbsthilfegruppe. Da gibt es so viel zu erfahren, dass ich es kaum in Worte fassen kann.

 

Miro ist da, gerade zarte zwanzig Jahre alt. Er hat zwei Psychosen durch Cannabis hinter sich. In der letzten Sitzung erzählte er mehr von sich. Er war der festen Überzeugung, dass er einer Weltverschwörung auf die Schliche gekommen sei, als ihn die . Polizisten fragten: "Konsumieren Sie Cannabis?". Er entgegnete: "Ja, aber was hat das damit zu tun? Sie müssen das doch verstehen, die Welt besteht aus einer Verschwörung".

Danach wurde er eingewiesen, brauchte aber noch eine zweite Psychose zur Einsicht. Mittlerweile ist er zwar Cannabisfrei, aber alkoholabhängig. 

 

Das sagt er selber, er sei alkoholabhängig. Für ihn bedeutet das, dass er alle zwei Tage zwei Flaschen Bier trinkt. Ich versuche mich mit ihm auf gleicher Ebene zu unterhalten, aber ich trinke jeden zweiten Tag eine Flasche Schnaps, das ist schwierig.

 

Franz ist auch da. Er hat unter Kokaineinfluss eine krasse Unfallfahrt verursacht. Führerschein weg, MPU (Idiotentest). Und da gibt es noch Ceilelo, der spielsüchtig ist und jeden Tag in den Spiellokalen rumhängt, bis die Morgensonne graut.

 

Jeden Tag denke ich an die Mitleidenden, und trotzdem fühle ich mich so fern davon. 

 

Jeder davon will aufhören, und ich trinke fleißig weiter und denke nicht daran, aufzuhören.

30.5.14 12:17


Alfred Holunder

Ich war gerade erst dreizehn, da erregte Alfred Holunder meine Aufmerksamkeit. Er war ein begabter Musiker, er spielte Trompete, Gitarre und sang und über die Musik lernten wir uns kennen. Er war damals schon älter, uns es sollte sich zum ersten Mal begeben, was sich später wiederholte, er verliebte sich in meinen Slip, als ich mich streckte.

Wir küssten uns bei einer Jugendparty und ich war noch im Rausch, als mein Vater mich abholte. Danach belagerte ich ihn. Eines Tages, es war etwa 9 Uhr, war ich in seinem Elternhaus. Sein Vater wässerte gerade den Garten und war etwas erstaunt ob meines Erscheinens, ließ mich aber hinein.

 

Alfred schlief noch, und es roch in seinem Zimmer wie in einem Pumakäfig. Das war mir egal, ich stürzte mich auf ihn wie eine hungrige Hyänin. Was dann passierte,musss auf einen weiteren Blogeintrag warten.

15.5.14 13:57


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