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Aktuelles

Verlust Teil Eins

Ich vergesse immer, ob es drei oder vier Jahre waren. Jedenfalls waren es drei oder vier minus eins, die wir zusammengelebt haben. Mich zu trennen ist mir schwer gefallen. Der Entschluss stand unumstößlich fest, aber aussprechen konnte ich es nicht, also wählte ich den feigen Weg und faselte erst mal was von "vorläufig räumlicher Trennung", versetzte ihm so eine ganze Reihe von kleinen, schmerzhaften Hieben, bis ihm langsam dämmerte, dass ich da ganz gewaltig untertrieben hatte und eigentlich nur ein mutloses Arschloch war.

Am Anfang war ich froh und ich weiß auch immer noch, dass es die richtige Entscheidung war. Zu viel hatten wir uns gegenseitig verletzt, zu oft hatten wir einander kleingemacht. Hatten gegenseitig unser Vertrauen zerstört - ich, wenn ich sagte: NAAIN, ich hab keinen Schnaps gekauft, und doch wusste, dass mein Seelenheilmittel hinter den Sofakissen/im Kulturbeutel/in der Nudelschublade ruhte und auf mich wartete. Er, wenn er Fotos von mir machte, während ich meinen Rausch ausschlief, und dabei noch das ein oder andere um mich herum drapierte, um mir weiszumachen, das hätte ich selber getan. Hinterher hab ich gelernt, Gaslighting nennt man das und es ist existenziell zerschmetternd, weil nagend.

Trotzdem, er fehlt auch. Umso mehr, je mehr ich andere Kerle kennen lerne. Intellektuell haben wir uns viel gegeben, auch spielerisch konnten wir uns immer messen. Seine Ratschläge waren rückblickend überraschend oft richtig und ich hab mich erschreckend selten daran gehalten.

Jetzt kämpfen Musik und ich wieder alleine. Er war wohl nur ein Begleiter für kurze Zeit, der heute nichts mehr von mir wissen will.

 

 

5.11.17 16:38


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Verluste

Ich hab mitbekommen, dass der von mir verehrte Glumm nach mir gefragt hat, und ich hab mich erst gefreut, dann Bilanz gezogen und schließlich ein bisschen getrauert.

Warum ich nicht mehr schreibe? Mir ist die Kreativität abhanden gekommen. Ich hab nach dem letzten Eintrag hier tatsächlich mit dem Saufen aufgehört. Bin jetzt fast ein Jahr trocken und hab im gleichen Atemzug auch noch andere Sachen rausgeworfen. Lebe wieder alleine, studiere nicht mehr, rauche nicht mehr, singe nicht mehr.

Manches davon ist gut - das meiste sogar. Ich habe jetzt hier alles im Griff. Die Bude ist sauber, die Miete bezahlt, ich erscheine stets pünktlich zur Arbeit und hör mir immer freundlich nickend die Probleme von anderen an. Gleichzeitig fehlt die Scheißegal-Einstellung, die der Schnaps manchmal  zaubern kann. Im Gegenteil, der Kopf rattert noch mehr als früher und lässt sich nur bändigen durch Regeln. Drei Listen hängen im Schlafzimmer, darauf stehen Dinge, die zu tun und zu lassen sind. Eine Liste liegt auf dem Schreibtisch, eine hab ich immer in der Hosentasche. Minimum fünf Mal Sport pro Woche. Minimum drei Kapitel übersetzen pro Monat. Minimum vier Nächte der Woche mindestens zur Hälfte im Bett verbringen. Maximum sieben Mal kotzen pro Woche.

Hinter den Kulissen ist nicht alles wunderbar, aber wo ist es das schon.

Das Leben ist stabil geworden, aber spießig und nicht weniger anstrengend. Es sieht nur schöner aus.

5.11.17 16:06


Stars in their multitude

Also bin ich zurück auf der Straße. Ich bin ein schlechter Runaway. Mir fällt als erstes ein, zu meiner Wohnung zu fahren und da rumzuhocken.

 

Auf dem Weg ist niemand. Ich schluchze mich durch, es ist herrlich, keine Menschenseele, und ich suhle mich in meinem Schmerz. 

 

Ich blicke noch einmal hoch. Stars...oh man, Mummy. 

 

Ab hier wird es kurios und nicht mehr gut. Ich streife so rum, es wird nicht besser. Ich klettere verückterweise auf einen Baumstamm, kann aber trotzdem nicht auf das Garagendach klettern, sondern verknackse mir dabei den Knöchel.

 

 Schließlich liege ich auf dem Bürgersteig. Die Luft ist gut. Es sieht schön aus da oben. Was Jess wohl gerade macht?

24.8.16 13:03


Nightlife

Der Abend ist schon kacke. Er geht aufs Klo, ich geh raus, ich muss einfach hier raus. Als die Klospülung rauscht, verschließe ich die Tür von außen. Tut mir leid, Jess, du musst heute drinnen bleiben.

 

Draußen atme ich durch. Wohin soll ich gehen? Ich wandere ziellos umher, bis mir klar wird, ich gehe zum Krankenhaus, zurück zu dem Ort, an dem meine Mutter starb. Der Nebeneingang ist verschlossen, ich muss zum Haupteingang. Da sitzt eine wachsame Frau. Ich sage nur: Ich will zur Palliativ - und alle Pforten öffnen sich. Mit der Flasche Schnaps, die ich vorher noch im Kiosk zu überteuerten Preisen gekauft hab, betrete ich die Palliativ. Ich muss schlucken. Mann, hier erinnert echt alles an Mama. Die Schwester kommt auf mich zu, sie vermutet vielleicht einen Störenfried. "Neinnein," beschwichtige ich, "ich will Ihnen gar keine Umstände machen. Es tut mir leid. Ich weiß auch nicht. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Kann ich mich vielleicht etwas auf den Balkon setzen?"

 

Auf dem Balkon ist eine andere Patientin. Sie sagt, sie sei schon seit vielen Wochen hier, ich könnte ihr sagen, dass das nicht stimmt. Aber egal. Die Sterne scheinen nur schwach am Himmel. Uschi ist ihr Name. Wir geben einander die Hand. "Oh," sagt sie, und hält meine Hand fest, "deine Hand ist warm wie eine Heiz...wie eine Wärme..." Das Wort fällt ihr nicht mehr ein. Es ist dunkel, und die Sterne sind kaum zu sehen. "Ich hab lange gearbeitet, beim Arbeitsamt." Indeed, ich auch. Es ist aber schwer, aus ihr Jahreszahlen zu bekommen. Sie zündet sich eine Zigarette an, wischt dann hektisch über ihr OP-Shirt. "Ich hab eine Zigarette verloren" Ich beruhige sie, nein, die erste Zigarette liegt noch auf dem Tisch. 

"Und meine Tochter Rabia ist eine gute Mutter. Ich wünscht. e, mein Beruf wäre, nur nachts nach den Babys zu sehen. Das könnte ich gut."

Uschi sieht im Dunkeln aus wie 45. Ich frage sie, und sie lacht: "Ich bin 72. Ja, 72...vor vier Jahren hab ich noch gearbeitet."

 

Es geht Uschi zusehends schlechter. Sie greft sich an den Magen. "Oh, das kneift aber". In ihrer Tasche liegt die Medikamentenpumpe. Ich laufe mit der Taschenlampe im Handy herum und helfe Uschi, ihre Medikamentenpumpe zu erreichen. "Bolus", stöhnt sie, "Bolus". Ihre manikürten Fingernägel rutschen von der Bolus-Taste immer ab, also drücke ich.

 

Die Schwester kommt zurück. "Was ist das denn hier, warum liegt die Pumpe hier?" Sie guckt kritisch. "Wer hat die rausgeholt und was gedrückt?"

Uschi hebt den Finger: "Das war ich!", behauptet sie fest. Danke, Uschi.

 

Uschi fallen die Augen zu. Sie guckt sich die Blumen an und verwechselt alles. Die Schwester fährt sie ins Bett. "Bis morgen!" ruft sie mir zu. "Bis morgen!"

24.8.16 10:46


Sooooo sa...finito.

Was wir haben, ist ein Kommunikationsproblem.

 

Ich rufe: Hilf mir! Nimm mich in den Arm, bleib bei mir! - aber ich kommuniziere: Hau du bloß ab, du verstehst eh nicht, wie ich mich fühle.

 

Er sagt: DU bist krank. Hau ab. Du bist echt die letzte Sau auf Erden. Er meint: Red mit mir, bezieh mich mit ein. Komm her, ich hab eine starke Schulter.

 

Zumindest stell ich mir das so vor.

24.8.16 10:23


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