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Ich Moralapostel

Das alte Versicherungsproblem, das ich für dieses Jahr gelöst zu haben glaubte, ist wieder da, seit die Arztrechnungen zu zahlen sind, also verkaufe ich ein paar meiner Besitztümer. Wenige Schätzchen sind dabei, das meiste geht für wenige Euros weg, wenn denn überhaupt. Aber immerhin.

In Luftpolstertaschen verpackt trage ich die Büchersendungen zur Post, wo mich das Ende der Warteschlange schon vor der Eingangstür begrüßt. Warum das so ist, wird eine halbe Stunde später klar, als der Beamte vor mir endlos lange an der Plastikschachtel mit Musterumschlagklammern fummelt. Mein endgültiger Beschluss, in Zukunft doch mal die Packstationen zu probieren, fällt, nachdem er vier Klammern aus der 100er-Schachtel genommen hat und zu mir sagt: "So, jetzt haben Sie ja noch 94."

Vor der Post treffe ich Rick, der gegenüber arbeitet, wo ich auch mal gejobbt hab, nach dem Abi. In der Zeit tat ich nichts anderes als Erfahrungen zu sammeln, die sich in zwei Kategorien einteilten: Wichtig - unbedingt den Eltern und Tanten erzählen und Noch wichtiger, bloß nicht den Eltern und Tanten erzählen.

Rick zählte zur zweiten Kategorie. Er war klein und grau, durch und durch grau. Auf seinen linken Unterarm hatte er sich als Jugendlicher mit einem glühenden Gegenstand ein R eingebrannt. Dann hatte seine Freundin, mit der er das erste Mal Sex hatte, der so ausgiebig und tabulos war, dass seine Augen heute noch in Erinenrung daran glänzten, die Schachtel mit den Pillen hinter den Schrank fallen lassen und ihm nichts davon gesagt. Seinen Sohn hat er bis heute nicht gesehen. Später wurde er spielsüchtig, machte hohe Schulden. Es war deutlich, wie sehr es ihm schmeichelte, dass ich mit ihm flirtete. Verstohlen deutete er auf seinen Ehering, aber ich bin jung und wild und meine Grenzen sind variabel. Nach nicht einmal zwei Wochen hatte ich ihn geknackt und wir küssten uns in seinem Auto, auf halbem Weg zu mir nach Hause, weil seine Frau merken würde, wenn er zu spät käme. Seine Angst vor Entdeckung war so groß, dass er die verücktesten Regeln erfand, obwohl nicht einmal ein Blinder hätte übersehen können, dass wir eine heiße Affäre begonnen hatten. Nach und nach wurde er unvorsichtiger. Wir trafen uns bevorzugt am Wochenende, immer früh morgens, weil seine Frau bis mittags schlief, oder ich wartete nach meiner Arbeit in der Stadt auf ihn, besuchte Ausstellungen oder erkundete die entlegensten Winkel, bis er Feierabend hatte und wir einen Quickie im Auto hatten. Er gab sogar zwei Mal genug Geld aus, damit wir für ein paar Stunden in ein Hotel verschwinden konnten. Schließlich nahm er sich einen Tag frei und ich zufällig auch. Niemand wusste davon, also konnten wir um halb sieben, wenn wir eigentlich anfingen zu arbeiten, irgendwo anders sein und wir verbrachten endlich einmal einen ganzen Tag ausgelassen zusammen. Danach veränderte er sich. Er machte mir Geschenke, er schrieb mir SMS aus dem Urlaub mit seiner Frau. Immer häufiger verlor er sich in Tagträumereien, wie wir zusammen leben würden. Ich versuchte, ihn davon abzubringen, aber er hatte sich schon in mich verliebt. Fast unter Tränen versprach er mir, sich von seiner Frau zu trennen und nur für mich da zu sein, aber ich wollte das nicht und löste mich von ihm. Er war ein guter Kerl und damals zu gut für mich. Abgesehen davon, dass ich mich zu der Zeit noch in den Zukunftsvisionen mit einem gut situierten, groß gewachsenen Mann mit flotten Haaren und im Anzug vorstellte, konnte ich doch einfach nicht mit ihm umgehen. Seine starken Gefühle bedrängten mich und umrankten mich, ich hatte keine Zeit mehr für irgendetwas anderes, weil ich für ihn immer auf Abruf stand. Ich stürzte mich in andere Eskapaden, aber wir schrieben uns noch ab und zu, stets unter höchster Geheimhaltung, weil seine Frau, die natürlich wusste, was los gewesen war, mich und ihn auf der Stelle umgebracht hätte, wenn sie gewusst hätte, das wir noch immer in Kontakt standen.

Als ich ihn vor der Post erkannte, strahlte er. Seine Freude, mich wieder zu sehen, war riesig und er bequatschte mich, bis ich einstimmte, mit ihm einen Spaziergang durch den Wald zu machen. Er schien mir noch grauer zu sein, aber die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit ließ mein Herz höher klopfen als ich gedacht hätte. Er umgarnte mich und versicherte mir, nichts in der Welt hätte er damals lieber gemacht, als sich von seiner Frau zu trennen, für mich, aber ich hätte ja nicht gewollt. Ich wurde wütend und fragte ihn, ob er das heute auch noch so sähe. Ja, ereiferte sich, auch nach den Jahren würde er immer noch ständig an mich denken. Aber...dann rückte er damit heraus. "Wir bekommen ein Kind!" Ich schwankte zwischen Entsetzen und Freude. Er hatte sich immer Kinder gewünscht. "Warum willst du dich dann von ihr trennen?" "Ich liebe sie nicht. Als du damals kamst, ist meine Liebe verflogen. Aber ich will Kinder und sie war meine letzte Chance...dich konnte ich nicht haben. Viel lieber hätte ich Kinder mit dir gehabt. Aber überleg mal, ich werde alt, wer will mich noch haben? Auch für sie war es die letzte Chance. Wir lieben uns nicht mehr und wir wissen es beide, aber wir wollten beide ein Kind. Es war künstliche Befruchtung." Das musste ich erst mal schlucken. Dann fand ich es unsagbar gemein. "Wie kann man ein Kind mit jemandem haben wollen, den man nicht liebt? Glaubst du nicht, dass das Kind es merken wird, wenn in der Beziehung der Eltern keine Liebe ist? Du bleibst nur wegen des Kindes bei ihr? Bist du ihr wenigstens treu?" Er schaute mich aus seinen grauen Augen an. "Im Moment ja. Aber wenn ich dich sehe, will ich ihr nicht treu sein." Er legte seine Hand auf meinen Rücken und zog mich zu sich. "Überleg es dir. Es könnte so sein wie früher, nur besser. Ich bin jetzt schuldenfrei." Tausend Dinge zogen durch meinen Kopf und ich ließ es zu, dass seine Hände über meinen Rücken wanderten, über meine Beine. Dann küsste er mich, den Hals hinauf bis auf die Lippen. Es fühlte sich beschissen an und ich entzog mich ihm.
Nein.
"Fandest du das nicht auch so schön wie früher?"
"Warum ist es anders?"
"Wovor hast du Angst?"
"Du hattest doch früher auch keine Bedenken!"
"Seit wann bist du so ein Moralapostel?"

Verwirrt fuhr ich nach Hause und jetzt sitze ich hier und hab schon wieder eine Mail im Postkasten. Leon soll der Kleine heißen.

24.3.09 00:44
 


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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


LadyMarguerite / Website (12.11.07 13:08)
Wenn es sich beschissen anfühlt, dann ist es das auch ...


Denis / Website (12.11.07 19:36)
Aua. So etwas habe ich auch mal erlebt, ähnlich aber nicht genau so, nur vom Gefühl her.

Gut das Du wieder da bist, auch wenn es nur ein paar Tage waren.


monaco (13.11.07 11:02)
toll geschrieben.
tja wenn man sich nicht rechtzeitig ein haus baut - dann hat die ex-geliebte schuld ...


500beine / Website (15.11.07 10:21)
hm. wenn er grau ist, dann ist er grau und nichts für dich.

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