Wenn es im Wintersemester immer kälter und dunkler wird und die warmen Plätze in der Cafeteria mit einer Warteliste belegt sind, die ausgerollt zwei Mal um die Mensa gewickelt werden könnte, dann gibt es bestimmte Tage, an denen das Glück direkt vor der Uni steht. Dann stören mich weder die dunklen, überheizten Seminarräume, noch die Sitznachbarn, die praktisch auf mir sitzen und noch nicht einmal die Tatsache, dass ich vom stets überfüllten Parkplatz mein Auto erst einmal freikratzen muss. Dann kann ich mich vor die Uni setzen, auf eine der Bänke ganz abseits von den Rauchern, die in frierenden Trauben da stehen, wo sie im Minutenabstand eine Tür in den Rücken gedonnert bekommen, vorausgesetzt, die Erstsemester wagen sich überhaupt hinaus. Wenn ich Glück habe, in diesem kleinen Moment, dann schneit es auch noch und die Flocken landen auf meiner Mütze. Dann schaue ich nach oben und blinzele ins Licht. Die Schneeflocken stöbern ungestüm durcheinander der Erde entgegen und es sieht aus, als wollte jede von ihnen als erste bei mir sein. An diesen ganz bestimmten Tagen verkaufen Fachschaften, Wohltäter, Hilfsorganisationen und vermutlich ganz Tansania selber Glühwein unter einem kleinen Zelt vor der Eingangstür. Wenn ich eine Tasse heißes Glück zu einem fairen Preis erwerbe, helfe ich damit auch noch armen Kindern, und - wer weiß? am Ende vielleicht sogar Burma. Für einen Aufpreis bekomme ich sogar noch einen Schuss dazu und kann wählen, wovon. Das gönne ich mir, wenn ich noch viele Seminare vor mir habe, die ich lieber schnell hinter mir haben möchte.
Während in meinen Blutbahnen Unmengen von Schmerzmitteln und ein Liter Bier wild gegeneinander kämpfend dahinrauschen, dass ich das Gefühl habe, man könnte es hören, wenn man das Ohr auf meinen Arm legte, erzähle ich Mike von diesem heißen Glück an Wintersemesterstagen. Er ist hübsch. Seine Wimpern sind so lang und gebogen, dass sie mich bestimmt eher berühren würden als seine Lippen. Er zwinkert ziemlich oft, und wenn er etwas erzählt, rucken bei jedem Satzzeichen seine Augenbrauen einmal nach oben. Er hat mir mal erzählt, dass er Probleme mit der Kommasetzung hat. Die Lösung dafür liegt meiner Meinung klar auf der Hand, oder wohl eher, auf der Augenbraue, aber das sag ich wohl lieber nicht. Eigentlich wollte ich meine Ruhe haben, aber es ist jetzt schon recht kühl, da setzt er sich einfach zu mir und erzählt von seinem Studium. Ich lausche meinem Blut und meinen Gedanken und verstehe nichts von dem, was er sagt, aber ich blicke verträumt in seine Augen. Meine Jacke ist kaputt und ich schwitze. Außerdem ist die Hose zu groß. Schon wieder.
Mike mag keinen Glühwein. "Das ist, weil ich auch keinen Wein mag. Also nur Weißwein, und vielleicht Roséwein, aber nur eisgekühlt. Einmal, in einem Seminar, hatte der Dozent Geburtstag und hat Wein mitgebracht. Da wollte ich den nur schnell runterkippen, aber da kam der immer wieder an und hat nachgeschenkt. Am Ende war ich voll dicht und saß nur noch" er lässt seinen Kopf zur Seite fallen und schließt die Augen "so da. Also, nächstes Mal sag ich zu dem: Bringen Sie einfach zwei Bier mit, oder ich bring die mit, dann geht das auch." Ich sage: "Aber so richtig heißer Glühwein, der bis in den Magen wärmt, sodass man immer weiß, wo der Schluck sich gerade befindet?" "Ohja, warm kann man den trinken." Hm.
Heute Nacht hab ich tatsächlich vom ersten Glühweinstand geträumt, aber ich weiß, dass ich mich noch gedulden muss.
Moment mal, was für eine Sülze schreibe ich hier? Ich mag den Winter nicht, ich betrinke mich lediglich elendig mit Glühwein und Mützen, auf denen Schneeflocken landen könnten, trage ich erst recht nicht. Die fallen höchstens auf mein engelsblond gelocktes Haar und...argh, ich hör besser auf.