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Solitude

Eine halbe Stunde vor meinem Geburtstag halte ich den Wagen an einem einsamen Feldweg, steige aus und kotze mich im Gebüsch aus, bis ich mich wackelig und leer fühle. Mein Hund sitzt auf der Rückbank im Wagen und schaut mir zu, die braunen Augen sehen traurig aus. Als ich mich wieder auf den Fahrersitz setze und den Motor anlasse, sehe ich seinen vorwurfsvollen Blick im Rückspiegel. Dann fahre ich planlos in die Innenstadt. Im Studentenviertel komme ich an einer schwach beleuchteten Eckkneipe vorbei. Durch die offene Tür kann ich die Säufer sehen, die am Tresen sitzen, in einer Reihe. Sie reden nicht, sie stieren in ihre Gläser und schnaufen. Der Wirt trocknet ein Bierglas ab, wie im Film. Ich stehe im Leerlauf und schaue zu. Spiele mit dem Gedanken, hineinzugehen und mich von irgendeinem stinkenden Typen aufreißen zu lassen, um nicht alleine zu sein. Dann mache ich es doch nicht, weil mein Hund auf dem Rücksitz empört schnaubt. Ich fahre noch ein wenig weiter und komme an dem Seniorenheim vorbei, das auf einer Strecke liegt, die ich mehrmals die Woche fahre. Aufgefallen ist es mir aber erst vor ein paar Tagen zum ersten Mal, als zwei Menschen, ein ergrauter Mann und eine blonde Frau, beide Ende fünfzig, davor standen, den Blick zur obersten Etage erhoben und winkten. Winken ist etwas nettes, aber die beiden klappten nur die Finger auf die Handfläche und öffneten sie wieder. Es wirkte mechanisch und programmiert. Sie lächelten nicht. Oben am Fenster saß zwischen Stühlen und einer trockenen Topfpflanze eine Frau in einem Rollstuhl. Wie in einem Buch hatte sie eine karierte Decke über den Beinen liegen. Sie lächelte auch nicht, sie winkte nicht, sie sah nur reglos auf die beiden Winkenden auf der Straße herunter. Im Halbdunkeln konnte man sie kaum sehen. Dann kam ein Jugendlicher auf dem Fahrrad vorbei, bepackt mit zwei großen Tüten Klopapier. Er raste um die Ecke und die zwei Winkenden mussten ihm ausweichen. Sie schauten zornig, blickten sich an und gingen dann weg, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich stelle das Radio an, genug Stille für heute. In der nächsten Seitengasse hat ein Kiosk auf. Ich greife nach dem obligatorischen Schnapskleingeld in der Mittelablage und besorge mir was kräftiges. Dann stelle ich den Wagen in einigem Abstand zur Wohnung ab und gehe mit meinem Hund noch durch den Park. Die Leine ist weg, schon seit ein paar Tagen. Muss ich halt aufpassen. Ich setze mich auf eine Bank an der Bushaltestelle und öffne die Flasche. Es schmeckt widerlich, aber es vertreibt zuverlässig den Geschmack von Erbrochenem. Mein Hund sitzt mir zu Füßen und schaut gedankenverloren in die Lichtspiegelungen in den Pfützen auf dem Asphalt. Plötzlich ertönen merkwürdige Geräusche. Schlörfschlörf. Unregelmäßig, als zöge jemand ein bewusstloses Kamel am Schwanz durch die Straße. Mein Hund hört nichts, er ist fast taub, ich richte mich auf. Da kommen zwei Gestalten die Straße herunter. Mutter und Tochter, Inderinnen. Sie tragen beide Kopftücher, lange Gewänder mit Goldrändern und Schlappen. Sie schlurfen im Rhythmus, die Tochter immer ein bisschen langsamer als die Mutter. Sie tragen große Tüten im Arm, es sieht aus, als wären die Tüten voll mit Stoffen. Sie reden nicht, schauen nur zu Boden und schlurfen an mir vorbei und um die Ecke. Ich stehe auf, klopfe mir die Hose ab, schmeiße die Flasche in den Mülleimer und gehe mit meinem Hund dahin, wo mein Zuhause ist. Das Licht ist aus, alle schlafen. Niemand hat auf meinen Geburtstag gewartet. So habe ich es mir gewünscht. Wer weiß schon, wann mein Geburtstag ist?

Am nächsten Morgen flüchte ich mich mit dickem Kopf schnell zur Uni. Mache einen Anstandsbesuch bei meinen Eltern, der mich erstaunlicherweise aufheitert, aber als ich gehe, habe ich ein unbändiges Verlangen nach Schnaps. Ich besorge mir zwei Flaschen Wodka Blutorange und fahre zurück zur Uni, wo ich mir auf dem Parkplatz den Schnaps in blickdichte Plastikflaschen umfülle und in jeder Veranstaltung so viel trinke, wie nur möglich ist. Abends gehe ich zu freiwilligen Veranstaltungen, höre mir eine Amerikanerin an, die über Amerika spricht, worüber sonst. Dann begleite ich eine gute Freundin nach Hause, die unablässig über ihren Exfreund spricht. Sie hat mal herausgefunden, dass mein Geburtstag heute ist, aber heute hat sie es schon wieder vergessen. Am nächsten Tag ist es ihr furchtbar peinlich, aber mir ist es egal. Ich weide mich ein wenig in ihrer Pein und gebe mich großzügig. Am späten Abend klingele ich einfach bei einer Freundin, deren Auto ich vor dem Haus habe stehen sehen. Sie kocht gerade. Ich trinke die mitgebrachten zwei Flaschen Sekt alleine aus und verziehe mich, als ihr Freund kommt, kurz vor Mitternacht. Den Tag lasse ich über der Kloschüssel ausklingen. Die Kloschüssel färbt sich rot.

24.3.09 00:44
 


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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


LadyMarguerite / Website (13.9.07 11:54)
Alles Gute. Kann man ja immer wünschen.
Ich schätze mal, ich habs verpaßt. Aber ich werde die Zahl unter "über..." beobachten.


Meriche / Website (13.9.07 11:55)
Danke. Ist schon länger her.

Ich weiß gar nicht mehr, ob ich bei "Über" das richtige Datum eingegeben habe. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, was das richtige Datum ist.


Denis / Website (13.9.07 13:40)
Ich habe es nicht verpasst. Solche Geburtstage kenne ich ja selbst auch ganz gut, ich mag auch niemanden einladen, wenn die Leute sich gar nicht an das Datum erinnern. Von selbst vorbeikommen. Das können sie einfach. Brauchen auch keine Einladung. Sind ja Freunde. Oder?


500beine / Website (13.9.07 14:31)
das kamel.. DAS KAMEL!
hach!

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