The Naked
The Naked



The Naked

  Startseite
    Aktuelles
    Männer
    Nächtliches
    Erinnerungen
    Former Life
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 



  Links
   500 Beine



Webnews



http://myblog.de/meriche

Gratis bloggen bei
myblog.de





Wer bist du?

Als der Psychologe endlich eine Pause macht, frage ich ihn:

"Wer sind Sie?"

Er schmatzt. "Ich bin Ihr Psycholge", sagt er, obwohl ich ihm schon zwei Mal gesagt habe, dass er mich duzen kann. Beim ersten Mal habe ich ihm auch noch abgenommen, dass er sich darüber freute.

"Das ist interessant", sage ich. "Wenn Ihre Frau Sie fragt, was sagen Sie dann?"

"Ich bin dein Mann," entgegnet er. Dumm ist er nicht.

"Aber können Sie sich da mit allem identifizieren? Wenn die Kassiererin unten Sie fragt, sagen Sie dann: Ich bin Ihr Kunde? Oder sagen Sie 'Ich bin Ihr Parksünder' zur Politesse?"

Er reibt sich die Nase.

"Ist das für Sie so wichtig, was Sie für andere sind?" Mir steigt das Blut in den Kopf. "Ich habe doch Sie gefragt!", ereifere ich mich. "Und Sie nehmen für jeden eine andere Rolle ein. Darf ich das dann nicht auch machen?"

"Nun, das müssen Sie ja selber wissen, Meriche. Aber Sie geben sich immer selber auf. Sie verstellen sich. Sie wollen jedem gefallen. Und dann glauben Sie mir nicht, wenn ich Ihnen sage, dass Sie hübsch sind und eine angenehme Gesellschaft."

Ich werfe einen unauffälligen Blick auf die Uhr hinter ihm. Noch 26 Minuten. Aber er ist faul, er macht fast immer zu früh Schluss und hat jedes Mal eine Ausrede dafür parat. Ich nicke dann immer und sage "Macht nichts", aber dann greife ich meine Jacke, stolpere durch den verwinkelten Flur, mache leise die Tür hinter mir zu und springe die Treppe hinunter, nehme immer zwei, drei Stufen auf einmal.

Ich blinzele. Die Sonne hat den Kirchturm umrundet und scheint mir ins Gesicht, sodass mir ganz warm wird.

"Soll ich die Jalousie schließen?", fragt er fürsorglich.

"Nein, ich mag die Sonne. Keine Umstände." Eigentlich hoffe ich ja, dass er eh gleich fertig ist. Aber er redet.

"Wo Sie gerade die Kassiererin erwähnen, wissen Sie, was mir anfangs passiert ist, als ich die Praxis hier noch nicht lange hatte? Also, ich war nur kurz etwas einkaufen und stand in der Schlange, da unterhielten sich vor mir die Kassiererin und eine Kundin. 'Oben ist jetzt ein Psychiater oder Psychologe oder so, wussten Sie das?' 'Ach nein, tatsächlich?' 'Ja, eine Bekannte von mir hat eine Freundin, deren Tochter dahin geht.' 'Ach, das ist ja immer schlimm, so was. Und wie ist der so?' 'Also, die sagt, der ist total gut. Und es geht ihr wohl auch schon viel besser. Obwohl der einen dicken Hintern hat, der Psychiater.' 'Nein, so was. Machenses gut, Frau Flödenscheid.' Oder so." Er kichert in seinen Bart, während mich die Sonne in der vollen Breitseite getroffen hat. Ich sehe nur noch helle und dunkle Flecken und kann nicht einmal mehr die Uhr erkennen. Unauffällig rutsche ich auf dem Sofa ein Stück nach links, aber dann komme ich dem Bild, das darüber hängt, so nahe. Also blinzele ich noch ein bisschen und warte, bis er sagt:

"So, Meriche, ich muss Sie leider jetzt schon verabschieden, denn meine Schwiegermutter hat gestern gesagt, dass...."

"Kein Problem," stoße ich hervor.

"Machen Sie noch neue Termine mit meiner Sekretärin aus?"

Ich nicke und husche aus dem Zimmer. Winke der Sekratärin zu, die wie immer am Telefon hängt und über ihren Cousin spricht. Dann mache ich die Tür leise zu und springe die Treppe hinunter. Am letzten Absatz begegnet mir wie immer der Mann mit dem Dackel, der mich böse anstarrt.

25.12.08 09:34
 


Werbung


bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


500beine / Website (30.8.07 09:38)
"Mein" Psycodoktor hat mal zu mir gesagt, "es ist Ihre Entscheidung, was Sie sein wollen, Schriftsteller oder Puffmutter."
Ich hab herzlich gelacht und halte mich dran.


Meriche (30.8.07 09:50)
Und, wofür hast du dich entschieden? ;-)

Leider hat es meiner nicht so mit Tipps, die man befolgen könnte.


Denis / Website (30.8.07 11:22)
Deiner redet aber auch sehr gern. Immerhin muss er dann nicht arbeiten, wenn er selber Anekdoten von der Supermarktkasse erzählt, wohl schon dem zwanzigsten Menschen, der da vor ihm sitzt. Arbeiten würde ja bedeuten, das er dir zuhören muss.

Brrr.

Der hätte sich damals bei der bekannten Entweder-Oder-Frage durch seinen eigenen Medizinmann doch eher für "Märchenonkel" entscheiden sollen.

Ehrlich? Ich bin nur Spurenelements-Psychologe (hey, aber studiert!), aber selbst ich könnte dir etwas besseres sagen.

Ernsthaft? Such dir einen, der dir gewachsen ist.

Übrigens würde ich ganz schnell weglaufen, wenn jemand namens Flödenscheid in denselben Supermarkt geht. Das wäre sicherer.


LadyMarguerite / Website (30.8.07 12:15)
Beides, 500 B., beides ;-)

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung