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Au revoir

Zwei Wochen habe ich jeden Tag die Palliativstation im Krankenhaus besucht. 10 Minuten Fußweg von zuhause aus, drei Stufen, Hände desinfizieren, auf den Fahrstuhl warten. Die Palliativ liegt direkt über dem Kreißsaal und der Neugeborenenstation, welche Ironie.

 

Die Palliativstation ist wie eine andere Welt. Von meiner privat versicherten Großmutter kenne ich bereits die "Deluxe Station", aber da ging es eher darum, dass die Bettwäsche aus Seide war und die Gläser lange Stiele hatten - was, wie man sich denken kann, beides eher unpraktisch war für eine 86jährige mit Darmproblemen. 

 

Auf der Palliativ ist es wie ein Blick hinter die Kulissen. Die Schwestern haben immer Zeit, als seien sie gerade in der Pause. Sie lehnen sich schon mal an die Wand im Krankenzimmer und quatschen, weil die Patienten es brauchen. Es gibt ein Wohnzimmer, in dem Kekse und Getränke stehen, bequeme Polstersessel und ein Klavier, denn zwei Mal pro Woche kommt jemand und macht Musik. Es gibt einen bunt bepflanzten Balkon, der die einzigen 8m² im Klinikum beherbergt, innerhalb derer man im Gebäude rauchen darf. Im Kühlschrank für die Patienten stehen Bier, Wein und Sekt - warum auch nicht. Meiner Mutter ist das aber herzlich egal.

Der Balkon wird zu meiner kleinen Oase. Wann immer ich das Gefühl habe, zu zerplatzen, zusammenzufallen oder sonstwie zu kollabieren, entschuldige ich mich zur "frischen Luft", die ich in Anführungszeichen setze, damit alle verstehen, dass ich "nur rauchen will", während ich in Wahrheit die Pausen brauche, um alleine zu weinen. Alleine war ich aber während der Zeit leider selten auf dem Balkon. Im Gegenteil, schon am ersten Tag, als das Weinen noch sehr hemmungslos und unkontrollierbar war, saßen drei Frauen mittleren Alters auf dem Balkon. Sie befanden sich, wie ich später analysierte, in der Phase, in der man zwischen Leid und Erleichterung schwebt, einerseits die Brösel vom knirschenden Herzen innen drin spürt und andererseits die Schweißerbrille aufsetzt und den sterbenden Körper betrachtet wie eine Maschine. "Hat er dich heute erkannt?" - "Nein, heute hat er nur drei Mal gehustet."

 

In den kommenden Tagen lerne ich mehr über die Frauen, und sie werden mir zwar nicht sympathischer, aber ich rede nicht mehr voller Abscheu über den "Labertreff in der Dunstwolke", als die Frau, die ausnahmslos immer da war, egal ob 6 Uhr morgens oder 22 Uhr abends, von ihrem Besuch erzählt. Im Sterben liegt ihr Vater, erlausche ich unfreiwillig, als ich eigentlich Abstand gewinnen will und deswegen das Krankenzimmer verlassen habe. An diesem Tag aber war ihre Mutter auch zu Besuch. Unter besonderen Sicherheitsauflagen. Die Mutter hat nach der endgültigen Todesdiagnose ihres Mannes eine Psychose entwickelt und steht unter akuter Suizidgefahr, deswegen ist sie seit drei Wochen auf einer geschlossenen. Die Frau, die das erzählt, ist etwa Mitte 40, ihre Mutter also auf jeden Fall älter als meine, die zwei Zimmer weiter liegt und um ihr Leben röchelt.

Die Mutter habe aufs Klo gehen wollen, erzählt die Immer-da-Frau. Auf den Klos, die zu den Zimmern gehören, gibt es natürlich behindertengerechte Toiletten, und auch lange Schnüre, die man ziehen kann, um einen Notfall zu melden, zum Beispiel wenn man beim verzweifelten Versuch, die einst zuverlässige Verdauung durch Zwang zum funktionieren zu bringen, vor lauter Anstrengung vom Klo gekippt ist. Immer-da-Frau schaut kurz zu mir herüber, sie hat traurige, leere Augen. "Ich hatte so Schiss, wegen der Schnur, weißte?", beichtet sie ihrer Freundin, der Fast-immer-da-Frau. Und so schildert sie, wie sie hilflos im Krankenzimmer saß, zwischen ihrem Vater, der nur kurz noch wache Momente hatte und ansonsten leblos war, und ihrer Mutter, die hinter der verschlossenen Klotür vielleicht den Versuch unternahm, ihrem Mann zu folgen in das große Ungewisse.

 

Am ersten Tag auf der Palliativstation war meine Mutter in einem Zustand zwischen Schock und Erleichterung. Wie kam das so plötzlich? Aber es tat ihr gut. Zumindest so lange, bis die Musikerin kam. Die Frau in den Birkenstocksandalen setzte sich zunächst ans Klavier und die Töne klangen durch die Wand zu uns ins Krankenzimmer, wo mein Bruder und ich gerade versuchten, zu verstehen. Meine Mutter war verwirrt, konnte die Töne erst nicht zuordnen, aber dann äußerte sie den Wunsch, nachzusehen, woher die Musik kam. Ein seltener, letzter, neugieriger Moment. Wir schoben sie hinüber ins Wohnzimmer und lernten die Musikerin kennen. Groß, ungelenk, etwas unbeholfen bedeutete diese uns, wir könnten uns ruhig unterhalten, während sie spielte. 

 

Zwei Tage zuvor hatte ich meine Mutter das letzte Mal enttäuscht. Ich war wie alle Geschwister zum grillen geladen, hatte aber leider wiederum am Tag davor morgens den Teil meines Gehirns entscheiden lassen, der doch nur immer das eine will. Und so kaufte ich nicht eine, sondern direkt zwei Flaschen Schnaps und saß dann ratlos im Auto, ein paar Straßen von der Wohnung entfernt. Leere im Kopf, während die Gedanken rasen. Jetzt haste sie gekauft, also trink sie auch. Wird dir gut tun. Wann hast du zuletzt richtig geschlafen? Warum bist du so bescheuert? Du lässt alle im Stich. Aber nur zu, verkriech dich in deinem kranken Schädel.

Traurige Musik spielte im Radio. Ich fing an zu heulen und schluchzte so herzergreifend, dass Musik in ihrer Box unruhig wurde. Passanten blickten beunruhigt in das wackelnde, geparkte Auto. Bevor ich wieder klar denken konnte, schrieb ich meinen Geschwistern: ICH HAB MAL NE DOOFE FRAGE. HEULT IHR AUCH MANCHMAL EINFACH SO UND KÖNNT NICHT AUFHÖREN? Dabei war es ja eigentlich nicht "einfach so".

 

Auf meine Geschwister ist meistens Verlass und so schrieben wir uns dann auch fleißig, während ich hinter den langsam beschlagenden Fenstern meines Autos die erste Schnapsflasche ansetzte. Ich war so desolat, dass mein allerkleinster Bruder beschloss, mich am Nachmittag zu besuchen. Ich kann mich nicht ganz genau dran erinnern, aber ich glaube, ich saß unbehost wie ein glückseliger Buddha auf dem Sofa, als er kam und mir unbeholfen eine Liste von Liedern aufschrieb, die ihn immer aufmunterte. Mein allerkleinster Bruder und ich haben gemeinsam, dass wir einige Zeit in Afrika verbracht haben, daher traute ich seinem Urteil und  nahm mir fest vor, mir alle seine Vorschläge anzuhören. Hab ich aber bis heute nicht. Nachdem er weg war, vertrieben von mir, hörte ich extra ganz schnell ganz ganz traurige Musik - Yann Thiersen geht da ganz gut - und tat, was ich niemals wieder tun sollte. Dabei heulte ich ganze Wasserfälle und rutschte wohlig durch die Spirale von Selbstmitleid und Weltschmerz.

Am nächsten Tag rief ich meine Mutter an und sagte ihr mit schwerer Zunge, ich würde wohl nicht zum grillen kommen. Sie war still, traurig, hilflos. Zwei Tage darauf sitze ich an ihrem Krankenbett auf der Palliativstation, das sie nicht mehr verlassen wird.

 

Zurück zur Musik auf der Palliativstation. Das nächste Lied, das die Pianistin anschlägt, ich traue meinen Ohren kaum, ist tatsächlich Yann Thiersen. Die Dämme brechen, meiner Mutter kullern lautlose Tränen über die Wangen und ich bekomme keine Luft mehr. Ich kann hier nicht heulen. Mein Bruder, immer stark, immer selbstbewusst, streckt hilflos seine Hand nach meiner Mutter aus und lässt sie auf halbem Weg wieder fallen. Meine Mutter flüstert, denn sie hat ihre Stimme verloren: Bitte, bitte spielen sie nicht so was trauriges. Bitte was schönes!

 

Ihre Kraft reicht nicht mehr, wir tragen sie zurück in ihr Zimmer, aber wir lassen die Tür auf, damit sie die Musik noch hören kann. Die Pianistin, gerade um fröhlichere Musik gebeten, schlägt die nächsten Töne an und spielt: TIME TO SAY GOODBYE.

 

 

 

 

Da kommt noch mehr.

12.8.16 22:30
 


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