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Ein Abend

22 Uhr.

 

Ich liege im Bett und besehe mir die Wand, die, je nach meiner Konzentration, in gelb oder grün Wellen schlägt. Punktierte Wellen, Streifen oder schwarze Löcher, die sich in meine Pupille brennen, während ich einfach still liege. Neben mir liegt mein Freund, der darauf wartet, dass sein neues Spiel installiert ist und in der Zwischenzeit sauer, weil ich zwar betrunken, aber trotzdem nicht willig bin. Solange er auf die Installation wartet, bleiben ihm anderthalb Stunden, um mich mit Ramazotti rumzukriegen. 

Also ziehe ich solange ich kann um auf den Dachboden. Ich habe schon so lange nicht mehr hier geschlafen, dass bei meinem Erscheinen zwei Motten oder Falter erschreckt auffliegen.  Weil ich damit trotzdem nicht gerechnet habe, fällt mir versehentlich der Laptop aus der Decke und auf den Fuß, verdammt. Im Dunkeln taste ich nach dem Sofa, als unten die Tür aufgeht.

"Was war das?" schreit er.

"Na, ich, was sonst, " schreie ich zurück.

"Nein, was ist denn da runtergefallen?", will er wissen.

 "Mein Buch," schreie ich. "Oder glaubst du, ich lass deinen Laptop einfach so fallen? Na danke..." mit tiefem Vorwurf in der Stimme. Und er glaubt es.

 

Weil am Donnerstag eine Prüfung ansteht, bleiben mir, geschätzt, fünf Stunden ruhiger Schlaf, ehe Alpträume mit den Dozenten mich aus dem Schlaf reißen. Andererseits steht im Bad, versteckt hinter dem Schrank unter dem Waschbecken, noch fast eine halbe Flasche Wodka.

24.3.09 00:29


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Musik und Sie und Ich

Wir kommen an einer Wiese vorbei und ich schlage vor, den Ball etwas zu werfen. Am entfernten Rand liegt ein umschlungenes Pärchen auf einer kleinen Decke, und sie setzt ihre Brille auf, um besser sehen zu können. Warum, frage ich mich. Beim Spielen reden wir über alles mögliche, aber ich beginne zu bereuen, ihr von meinem Trinkverhalten erzählt zu haben.

"Als wir damals im Kino waren," sagt sie, "hab ich gedacht, du trinkst gar nichts, weil du Cola wolltest. Da dachte ich erst, bewundernswert, aber irgendwie auch...naja."

Ich laufe rot an, das passt gut zu meinem neuen Pullover, der endlich aus der Wäsche raus ist. Wenn ich neue Sachen ohne Wäsche trage, bekomme ich Ausschlag. Was solls, es ist Freitag, der Tag der Wahrheit und eigentlich weiß sie es eh schon.

"Das lag daran, dass ich vorher so nervös war, dass ich schon mittags betrunken war. Ich hab nochmal gepennt und war den Rausch los, hatte aber tierischen Nachdurst." Sage ich und konzentriere mich auf den Ball, schieße kräftig dagegen. Von ihr kommt nichts. Ich kriege keine Luft, spurte auf den Ball zu und schieße nochmal. "Ganz schön scheiße, so was zu sagen", platzt aus mir heraus.

Ich kann sie nicht ansehen. Vielleicht guckt sie enttäuscht, vielleicht angewidert, vielleicht lacht sie auch. Ich will es gar nicht wissen. Sie läuft dem Ball hinterher wie ein kleines Mädchen.

Später fragt sie dann doch noch. "Warum warst du nervös? Wegen der Leute, die dabei waren?" Ich nicke und blinzel in die Sonne, die warm auf uns herabstrahlt. In meinem Pullover ist mir viel zu heiß, aber ich hab den Zeitpunkt verpasst, zu dem ich ihn noch ausziehen kann, ohne vermeintliche Schweißflecken zu offenbaren. Ihre Jacke liegt noch ein paar Meter weit weg. Natürlich hakt sie nach.

"Nervös wegen ein paar Kommilitonen aus dem Kurs?"

Ich schüttel den Kopf. Sie will es also hören, na gut, warum nicht, aber dann inszeniere ich es auch, denn immerhin habe ich vorher zwei Weinbrand-Cola getrunken, mit mehr Weinbrand als Cola, weil die fast alle war.

"Warum dann?"

Ich schiebe die Hände tief in die Taschen, ziehe die Schultern hoch. Der Ball liegt ein paar Meter von uns entfernt, in einem Erdloch. Für so eine Wiese sind hier ganz schön viele Löcher. Sie sagte vorhin etwas über Maulwürfe, aber die buddeln doch keine Löcher! Auf Biologie hatte ich aber keine Lust, deswegen sagte ich nichts.

Ich nehme Anlauf und trete den Ball so feste aus dem Erdloch, dass Gras in alle Richtungen fliegt. Ich hab nur meine Turnschuhe an, die sind das gewöhnt.

"Wegen dir." Dann schaue ich ihr in die Augen. Dieses Mal blinzelt sie und guckt weg. Dann erzählt sie irgendeine Story von ihren Dozentinnen, damals, an der Uni, und etwas vom intellektuellen Austausch. Und die eine hieß... und die andere war...

Ich gebe indessen etwas mit meinen Fußballkünsten an, für eine Frau gar nicht schlecht, das weiß ich. Die Jungs im Park beeindrucke ich damit immer wieder. Vor allem wegen meiner spektakulären Fouls, aber die bringe ich hier nicht. Sie schießt dafür ganz schön miserabel, Frauenschüsse halt.

Als wir vor ihrer Haustür stehen, fragt sie mich, und ich kann es gar nicht glauben, weil es so ein Klischee ist. Ob ich noch mit ihr essen möchte. Hm, nein, möchte ich nicht. Außerdem, ja, das habe ich zu dem Zeitpunkt ganz vergessen, muss ich noch was erledigen. Wieder eine Umarmung, und ich streichel ihren Rücken, und ich löse mich zuerst. Schade, findet sie. Schulterzucken von mir, aber das passt, weil ich ihr vorher gesagt hab, dass ich nie weiß, was ich sagen soll bei ihr. Sie schließt ihre Tür auf und Musik und ich rennen los, um eine Ecke, um noch eine, und ich weiß nicht, ob sie uns nachgeguckt hat, aber wir rennen wie verrückt, ehe wir bei uns zu Hause angekommen sind. Musik ist fertig, aber ich noch mehr. Ich kann nur noch meine Klamotten ins Bad schmeißen und mich selber aufs Sofa. Dann fällt mir ein, was ich erledigen wollte und ich muss doch wieder los, während meine Beine so schwer sind wie nach einem Marathon und mein Kopf so voll wie eine Tüte fliegender Gummibärchen. 

24.3.09 00:42


Wo ist mein Kopf?

Im Kino sind wir noch zu viert. Wir sehen uns "I'm not there" an und ich überlege, wie lange es her ist, dass ich mal im Kino war. Während des Films fällt mir auch wieder ein, warum. Zwischenzeitlich ist die eingespielte Musik so laut, dass ich mir die Ohren zuhalten möchte, dabei sitzen wir gar nicht weit vorne. Dann wird mir schlecht vom Anblick des selbstzerstörerischen Dylan und Durst hab ich auch die ganze Zeit, dabei hab ich gerade erst eine Dose Cola geleert, damit ich nicht einschlafe, was ich sonst in Kinos gerne tu. Keine Chance bei dem Krach. Dann hat er auch noch Überlänge...und verstanden hab ich auch nur wenig.

Die zwei Herren verabschieden sich nach dem Film mit fadenscheinigen Ausreden und so sind wir nur noch zu zweit, als wir uns auf den Weg zu der Jam Session in den Jazz Club machen, den sie mir unbedingt schon immer zeigen wollte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch Lust hab und Durst hab ich nach wie vor, aber sie fragt nicht, sondern geht. Geht in einem Tempo, dass ich streckenweise laufen muss, um mitzuhalten. Ich frage mich, ob sie nervös ist. Und dann frage ich mich, warum ich mich das frage. Vermutlich, weil ich selber nervös bin. "Bei dem traurigen Film über Afghanistan hab ich nicht geweint, aber jetzt. Komisch", sagt sie und schüttelt den Kopf. Das hab ich gar nicht bemerkt, obwohl ich neben ihr saß und meine Augen eh lieber woanders als auf der Leinwand hatte. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, denn ich weiß nicht mal, ob ich sie siezen oder duzen sollte. Also sage ich nur Ja und Hm und Naja und zum Glück fragt sie mich nicht, was ich von dem Film halte. Verkrampft ziehe ich die Schultern hoch und schiebe meine Hände tief in die Taschen, da fragt sie, ob ich ihren Schal haben wolle. "Du frierst ja." Dankend lehne ich ab, denn mir ist wirklich nicht kalt und allein bei dem Gedanken, ihren Schal zu tragen, wird mir ganz schön heiß vor Verlegenheit. Ich brauche dringend was zu trinken. Sie erzählt, und ich weiß nicht, wovon, und als sie eine Pause macht, ziehe ich wieder die Schultern hoch und sie besteht darauf, dass ich ihren Schal nehme, ein kleines Ding, das sie mit einer Doppelschlaufe um den Hals gebunden hat, und dass gut zu ihrem Mantel, aber ganz sicher nicht zu meinem lottrigen Outfit passt. Vor dem Club schließt gerade Theo mit den Dreads sein Fahrrad auf. Ich winke ihm nur schnell zu und er macht große Augen und guckt. Dann stürzen wir uns ins Getümmel. Es ist warm und voll und laut. Die ganze Bühne ist voll, denn hier darf mitmachen, wer will, aber die Musik ist trotzdem gut. Etwas verloren stehen wir am Eingang, bis sie loszieht und Getränke besorgt. Dann stehen wir ein bisschen rum. Es ist zu laut, um sich zu unterhalten und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sie versucht ein paar Mal, ein Gespräch anzufangen, aber ich sage nur dumme Sachen und verhaspele mich dauernd, also halte ich lieber den Mund und nicke. Vermutlich hält sie mich entweder für arrogant oder langweilig. Beides will ich nicht sein, aber dann lieber langweilig als arrogant. Also schraube ich ein Lächeln auf meine Lippen, lasse meinen Blick schweifen und wippe ein bisschen zur Musik mit. Ich hoffe, das zeigt ihr, dass es mir gefällt und dass ich Spaß hab. "Die zweite Runde geht auf mich!", rufe ich ihr zu, aber sie schüttelt den Kopf. Ich denke, dass sie dieses Mal was anderes trinken will, aber sie meint, dass ich nicht bezahlen soll. Warum denn nicht? Sie fragt nach meinen Wünschen und dreht sich zum Tresen um. Etwas ratlos bleibe ich stehen.

Eine junge und sehr dünne Frau mit Dreads nimmt am Klavier Platz. Sie sieht süß aus, aber auch ein bisschen fehl am Platz und sie drückt planlos einige Akkorde. Ziemlich schräg, aber dann taucht eine asiatische Sängerin auf und die beiden rocken ganz schön ab. "Cheers" machen wir mit unseren zweiten Drinks und ganz kurz blicken wir uns in die Augen. Hellblau sind ihre, und hübsch. Dann kommt der Saxophonist von der Bühne, den sie kennt und sie ist augenscheinlich froh, sich mit irgendjemandem unterhalten zu können. Als die beiden Handynummern tauschen, verschwinde ich schnell mal zum Klo. Warum bin ich eigentlich so verkrampft? Was ist es denn schon? Ich gehe mit einer Frau, die ich mag, die nicht viel älter und auch noch kleiner ist als ich, zu einer musikalischen Veranstaltung, zu der ich eh immer mal wollte. Mehr nicht.

Sie spricht immer noch mit dem Saxophonisten, der mir vorhin nur einmal kurz Hallo gesagt hat. Deswegen stehe ich noch ein bisschen neben den beiden und schau mir die Musiker und die Leute an. So langsam werden die meisten müde und es spielen nur noch vier Leute. Die Asiatin ist auch verschwunden, aber dafür wird die Musik ein bisschen angenehm leiser. Wir reden ein wenig über Musik und ich gebe mir Mühe, normal zu reden und vernünftige ganze Sätze zu sagen. Auch ihr fehlt das Musizieren hier, wir stecken beide zu tief in Arbeit, aber sie redet von einer Gruppe junger Leute, denen ich mich anschließen könnte, wenn ich Lust hätte. Moment. Achja, ich nicke einfach nur und sage, es hört sich gut an. Irgendwann ist die Musik zu Ende und wir beschließen zu gehen. Kurz vor der Tür verliere ich sie irgendwie und drehe mich verwirrt um mich selbst, aber ich kann sie nicht mehr entdecken. Dann sehe ich, wie sie sich vom Saxophonisten verabschiedet. Irgendeine Verabredung wird da noch getroffen. Wir gehen.

Sie hat immer noch das schnelle Lauftempo drauf. Wie der Zufall es will, wohnt sie gar nicht weit weg und wir können fast den ganzen Weg zusammen bleiben. Die ersten Meter gehen wir schweigend, aber sie ist doch auf eine Unterhaltung aus. Nur blöd, dass mein Kopf leer ist und ich nichts sagen kann. Ich fange an zu stottern und sage lieber nichts. Schiebe wieder meine Hände tief in die Hosentaschen und atme leise, damit ich nicht anfange zu schnaufen. Sie lacht. "Du bist so introvertiert cool!" Immerhin besser als arrogant und langweilig. Ich lächle geschmeichelt und fühle, wie ich rot werde. Sie sieht es. Sie spricht über Beziehungen, Freiraum, Selbstverwirklichung und Vertrauen. "Niemand darf dich als sein Eigentum ansehen. Dann kann er sich selber ja auch nicht verwirklichen! Und eine Beziehung braucht Vertrauen. Warum sollte er dich nicht mal was alleine machen lassen?" Ich nicke und lausche. Wieso spricht sie davon? Und warum hört sie nicht auf? "Ich habe den Fehler auch mal gemacht, bei einem Exfreund. Und dann war ich verlobt, also, das würde ich nie wieder machen." Jetzt wird sie verlegen. "Also, verloben würd ich mich schon wieder, aber den anderen so einzuengen in einer Beziehung, das geht ja nicht. So wird die Liebe nicht schön. Liebe ist ja eh komisch, aber...manchmal auch schön." Ob ich da zustimmen kann, weiß ich nicht. "Bei einer Beziehung, die ich hatte, war ich auch sehr eifersüchtig. Wir waren aber auch in zwei Staaten und hatte, glaube ich, Recht. Sie hat es mal zugegeben." Da stockt sie. Hat sie gerade "sie" gesagt? Für einen kurzen Moment ist sie still. Vielleicht hab ich mich verhört, aber der Satz hallt in meinem Kopf nach.

Dann sind wir an der Ecke, an der wir uns trennen könnten. "Ach was", sagt sie, "ich bring dich nach Hause." "Naja, wir könnten es auch andersrum machen," entgegne ich, denn immerhin bin ich größer und kräftiger als sie. Aber ich nuschele zu sehr und sie versteht mich nicht. "Stimmt, ich könnte auch da hinten um die Ecke gehen, aber du sollst du zu mir sagen." Immerhin haben wir das noch geklärt, fünf Minuten vor Ende des Abends, auch wenn ich ja eigentlich was anderes meinte. Es ist mir zu doof, was dazu zu sagen und sie bringt mich nach Hause. Vor der Tür bleiben wir stehen und ich weiß nicht, wie man sich jetzt verabschiedet. Außerdem ärger ich mich, dass ich so ungesprächig war und mich so dumm angestellt hab. Da hebt sie einfach die Arme und wir umarmen uns. Sie drückt mich und es dauert einen Moment länger als normal. Es ist schön. Wie nach einem mittelmäßigen Date sage ich "Danke für den schönen Abend," aber ich meine es ernst. Sie zuckt hilflos mit den Schultern und dann ist sie verschwunden. Oben fühle ich mich wie ein Kerl, frage mich, ob sie gut nach Hause gekommen ist. Und liege wach und kann nicht schlafen.

24.3.09 00:42


Ich Moralapostel

Das alte Versicherungsproblem, das ich für dieses Jahr gelöst zu haben glaubte, ist wieder da, seit die Arztrechnungen zu zahlen sind, also verkaufe ich ein paar meiner Besitztümer. Wenige Schätzchen sind dabei, das meiste geht für wenige Euros weg, wenn denn überhaupt. Aber immerhin.

In Luftpolstertaschen verpackt trage ich die Büchersendungen zur Post, wo mich das Ende der Warteschlange schon vor der Eingangstür begrüßt. Warum das so ist, wird eine halbe Stunde später klar, als der Beamte vor mir endlos lange an der Plastikschachtel mit Musterumschlagklammern fummelt. Mein endgültiger Beschluss, in Zukunft doch mal die Packstationen zu probieren, fällt, nachdem er vier Klammern aus der 100er-Schachtel genommen hat und zu mir sagt: "So, jetzt haben Sie ja noch 94."

Vor der Post treffe ich Rick, der gegenüber arbeitet, wo ich auch mal gejobbt hab, nach dem Abi. In der Zeit tat ich nichts anderes als Erfahrungen zu sammeln, die sich in zwei Kategorien einteilten: Wichtig - unbedingt den Eltern und Tanten erzählen und Noch wichtiger, bloß nicht den Eltern und Tanten erzählen.

Rick zählte zur zweiten Kategorie. Er war klein und grau, durch und durch grau. Auf seinen linken Unterarm hatte er sich als Jugendlicher mit einem glühenden Gegenstand ein R eingebrannt. Dann hatte seine Freundin, mit der er das erste Mal Sex hatte, der so ausgiebig und tabulos war, dass seine Augen heute noch in Erinenrung daran glänzten, die Schachtel mit den Pillen hinter den Schrank fallen lassen und ihm nichts davon gesagt. Seinen Sohn hat er bis heute nicht gesehen. Später wurde er spielsüchtig, machte hohe Schulden. Es war deutlich, wie sehr es ihm schmeichelte, dass ich mit ihm flirtete. Verstohlen deutete er auf seinen Ehering, aber ich bin jung und wild und meine Grenzen sind variabel. Nach nicht einmal zwei Wochen hatte ich ihn geknackt und wir küssten uns in seinem Auto, auf halbem Weg zu mir nach Hause, weil seine Frau merken würde, wenn er zu spät käme. Seine Angst vor Entdeckung war so groß, dass er die verücktesten Regeln erfand, obwohl nicht einmal ein Blinder hätte übersehen können, dass wir eine heiße Affäre begonnen hatten. Nach und nach wurde er unvorsichtiger. Wir trafen uns bevorzugt am Wochenende, immer früh morgens, weil seine Frau bis mittags schlief, oder ich wartete nach meiner Arbeit in der Stadt auf ihn, besuchte Ausstellungen oder erkundete die entlegensten Winkel, bis er Feierabend hatte und wir einen Quickie im Auto hatten. Er gab sogar zwei Mal genug Geld aus, damit wir für ein paar Stunden in ein Hotel verschwinden konnten. Schließlich nahm er sich einen Tag frei und ich zufällig auch. Niemand wusste davon, also konnten wir um halb sieben, wenn wir eigentlich anfingen zu arbeiten, irgendwo anders sein und wir verbrachten endlich einmal einen ganzen Tag ausgelassen zusammen. Danach veränderte er sich. Er machte mir Geschenke, er schrieb mir SMS aus dem Urlaub mit seiner Frau. Immer häufiger verlor er sich in Tagträumereien, wie wir zusammen leben würden. Ich versuchte, ihn davon abzubringen, aber er hatte sich schon in mich verliebt. Fast unter Tränen versprach er mir, sich von seiner Frau zu trennen und nur für mich da zu sein, aber ich wollte das nicht und löste mich von ihm. Er war ein guter Kerl und damals zu gut für mich. Abgesehen davon, dass ich mich zu der Zeit noch in den Zukunftsvisionen mit einem gut situierten, groß gewachsenen Mann mit flotten Haaren und im Anzug vorstellte, konnte ich doch einfach nicht mit ihm umgehen. Seine starken Gefühle bedrängten mich und umrankten mich, ich hatte keine Zeit mehr für irgendetwas anderes, weil ich für ihn immer auf Abruf stand. Ich stürzte mich in andere Eskapaden, aber wir schrieben uns noch ab und zu, stets unter höchster Geheimhaltung, weil seine Frau, die natürlich wusste, was los gewesen war, mich und ihn auf der Stelle umgebracht hätte, wenn sie gewusst hätte, das wir noch immer in Kontakt standen.

Als ich ihn vor der Post erkannte, strahlte er. Seine Freude, mich wieder zu sehen, war riesig und er bequatschte mich, bis ich einstimmte, mit ihm einen Spaziergang durch den Wald zu machen. Er schien mir noch grauer zu sein, aber die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit ließ mein Herz höher klopfen als ich gedacht hätte. Er umgarnte mich und versicherte mir, nichts in der Welt hätte er damals lieber gemacht, als sich von seiner Frau zu trennen, für mich, aber ich hätte ja nicht gewollt. Ich wurde wütend und fragte ihn, ob er das heute auch noch so sähe. Ja, ereiferte sich, auch nach den Jahren würde er immer noch ständig an mich denken. Aber...dann rückte er damit heraus. "Wir bekommen ein Kind!" Ich schwankte zwischen Entsetzen und Freude. Er hatte sich immer Kinder gewünscht. "Warum willst du dich dann von ihr trennen?" "Ich liebe sie nicht. Als du damals kamst, ist meine Liebe verflogen. Aber ich will Kinder und sie war meine letzte Chance...dich konnte ich nicht haben. Viel lieber hätte ich Kinder mit dir gehabt. Aber überleg mal, ich werde alt, wer will mich noch haben? Auch für sie war es die letzte Chance. Wir lieben uns nicht mehr und wir wissen es beide, aber wir wollten beide ein Kind. Es war künstliche Befruchtung." Das musste ich erst mal schlucken. Dann fand ich es unsagbar gemein. "Wie kann man ein Kind mit jemandem haben wollen, den man nicht liebt? Glaubst du nicht, dass das Kind es merken wird, wenn in der Beziehung der Eltern keine Liebe ist? Du bleibst nur wegen des Kindes bei ihr? Bist du ihr wenigstens treu?" Er schaute mich aus seinen grauen Augen an. "Im Moment ja. Aber wenn ich dich sehe, will ich ihr nicht treu sein." Er legte seine Hand auf meinen Rücken und zog mich zu sich. "Überleg es dir. Es könnte so sein wie früher, nur besser. Ich bin jetzt schuldenfrei." Tausend Dinge zogen durch meinen Kopf und ich ließ es zu, dass seine Hände über meinen Rücken wanderten, über meine Beine. Dann küsste er mich, den Hals hinauf bis auf die Lippen. Es fühlte sich beschissen an und ich entzog mich ihm.
Nein.
"Fandest du das nicht auch so schön wie früher?"
"Warum ist es anders?"
"Wovor hast du Angst?"
"Du hattest doch früher auch keine Bedenken!"
"Seit wann bist du so ein Moralapostel?"

Verwirrt fuhr ich nach Hause und jetzt sitze ich hier und hab schon wieder eine Mail im Postkasten. Leon soll der Kleine heißen.

24.3.09 00:44


Solitude

Eine halbe Stunde vor meinem Geburtstag halte ich den Wagen an einem einsamen Feldweg, steige aus und kotze mich im Gebüsch aus, bis ich mich wackelig und leer fühle. Mein Hund sitzt auf der Rückbank im Wagen und schaut mir zu, die braunen Augen sehen traurig aus. Als ich mich wieder auf den Fahrersitz setze und den Motor anlasse, sehe ich seinen vorwurfsvollen Blick im Rückspiegel. Dann fahre ich planlos in die Innenstadt. Im Studentenviertel komme ich an einer schwach beleuchteten Eckkneipe vorbei. Durch die offene Tür kann ich die Säufer sehen, die am Tresen sitzen, in einer Reihe. Sie reden nicht, sie stieren in ihre Gläser und schnaufen. Der Wirt trocknet ein Bierglas ab, wie im Film. Ich stehe im Leerlauf und schaue zu. Spiele mit dem Gedanken, hineinzugehen und mich von irgendeinem stinkenden Typen aufreißen zu lassen, um nicht alleine zu sein. Dann mache ich es doch nicht, weil mein Hund auf dem Rücksitz empört schnaubt. Ich fahre noch ein wenig weiter und komme an dem Seniorenheim vorbei, das auf einer Strecke liegt, die ich mehrmals die Woche fahre. Aufgefallen ist es mir aber erst vor ein paar Tagen zum ersten Mal, als zwei Menschen, ein ergrauter Mann und eine blonde Frau, beide Ende fünfzig, davor standen, den Blick zur obersten Etage erhoben und winkten. Winken ist etwas nettes, aber die beiden klappten nur die Finger auf die Handfläche und öffneten sie wieder. Es wirkte mechanisch und programmiert. Sie lächelten nicht. Oben am Fenster saß zwischen Stühlen und einer trockenen Topfpflanze eine Frau in einem Rollstuhl. Wie in einem Buch hatte sie eine karierte Decke über den Beinen liegen. Sie lächelte auch nicht, sie winkte nicht, sie sah nur reglos auf die beiden Winkenden auf der Straße herunter. Im Halbdunkeln konnte man sie kaum sehen. Dann kam ein Jugendlicher auf dem Fahrrad vorbei, bepackt mit zwei großen Tüten Klopapier. Er raste um die Ecke und die zwei Winkenden mussten ihm ausweichen. Sie schauten zornig, blickten sich an und gingen dann weg, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich stelle das Radio an, genug Stille für heute. In der nächsten Seitengasse hat ein Kiosk auf. Ich greife nach dem obligatorischen Schnapskleingeld in der Mittelablage und besorge mir was kräftiges. Dann stelle ich den Wagen in einigem Abstand zur Wohnung ab und gehe mit meinem Hund noch durch den Park. Die Leine ist weg, schon seit ein paar Tagen. Muss ich halt aufpassen. Ich setze mich auf eine Bank an der Bushaltestelle und öffne die Flasche. Es schmeckt widerlich, aber es vertreibt zuverlässig den Geschmack von Erbrochenem. Mein Hund sitzt mir zu Füßen und schaut gedankenverloren in die Lichtspiegelungen in den Pfützen auf dem Asphalt. Plötzlich ertönen merkwürdige Geräusche. Schlörfschlörf. Unregelmäßig, als zöge jemand ein bewusstloses Kamel am Schwanz durch die Straße. Mein Hund hört nichts, er ist fast taub, ich richte mich auf. Da kommen zwei Gestalten die Straße herunter. Mutter und Tochter, Inderinnen. Sie tragen beide Kopftücher, lange Gewänder mit Goldrändern und Schlappen. Sie schlurfen im Rhythmus, die Tochter immer ein bisschen langsamer als die Mutter. Sie tragen große Tüten im Arm, es sieht aus, als wären die Tüten voll mit Stoffen. Sie reden nicht, schauen nur zu Boden und schlurfen an mir vorbei und um die Ecke. Ich stehe auf, klopfe mir die Hose ab, schmeiße die Flasche in den Mülleimer und gehe mit meinem Hund dahin, wo mein Zuhause ist. Das Licht ist aus, alle schlafen. Niemand hat auf meinen Geburtstag gewartet. So habe ich es mir gewünscht. Wer weiß schon, wann mein Geburtstag ist?

Am nächsten Morgen flüchte ich mich mit dickem Kopf schnell zur Uni. Mache einen Anstandsbesuch bei meinen Eltern, der mich erstaunlicherweise aufheitert, aber als ich gehe, habe ich ein unbändiges Verlangen nach Schnaps. Ich besorge mir zwei Flaschen Wodka Blutorange und fahre zurück zur Uni, wo ich mir auf dem Parkplatz den Schnaps in blickdichte Plastikflaschen umfülle und in jeder Veranstaltung so viel trinke, wie nur möglich ist. Abends gehe ich zu freiwilligen Veranstaltungen, höre mir eine Amerikanerin an, die über Amerika spricht, worüber sonst. Dann begleite ich eine gute Freundin nach Hause, die unablässig über ihren Exfreund spricht. Sie hat mal herausgefunden, dass mein Geburtstag heute ist, aber heute hat sie es schon wieder vergessen. Am nächsten Tag ist es ihr furchtbar peinlich, aber mir ist es egal. Ich weide mich ein wenig in ihrer Pein und gebe mich großzügig. Am späten Abend klingele ich einfach bei einer Freundin, deren Auto ich vor dem Haus habe stehen sehen. Sie kocht gerade. Ich trinke die mitgebrachten zwei Flaschen Sekt alleine aus und verziehe mich, als ihr Freund kommt, kurz vor Mitternacht. Den Tag lasse ich über der Kloschüssel ausklingen. Die Kloschüssel färbt sich rot.

24.3.09 00:44


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